Nett, sachkundig, aber phantasielos. So sind sie, die Wortführer des deutschen Börsenwesens. Davon zeugt schon ihr schlichter Umgang mit der Sprache. Unbesonnen übernehmen sie ausländisches Vokabular, ohne sich je Gedanken über die fremden Begriffe zu machen. Nur so konnte sich auch das Wort "Blue chip" im Lande ausbreiten.

Eigentlich sollte es Filetstück heißen. Das ist zwar auch nur Halbdeutsch, aber es träfe die Sache, und jeder wüßte, was gemeint ist. Blue chips sind die Filetstücke der Börse, die prächtigsten Teile, die der Aktienmarkt zu bieten hat: Bayer, Allianz, Siemens, Volkswagen. Ehedem auch Metallgesellschaft oder Deutsche Bank.

Die Sitte, solche Vorzeigebetriebe als Blue chips zu bezeichnen, kommt aus Amerika. Wahrscheinlich wurde der Begriff dort in Anlehnung an den "bluesten" aller Chips, an die Computerfirma IBM kreiert.

IBM trägt drüben den Beinamen "big blue" - wohl weil jeder männliche Mitarbeiter einen blauen Binder um den Hals gelegt bekommt.

In Amerika denkt bei "blue" jeder an IBM, Profit und die Wall Street. Aber paßt die Farbe auch anderswo? In der gesamten Alten Welt gilt Blau seit jeher als Farbe der Kälte, Trauer und Melancholie.

Schon die Ägypter wickelten ihre Toten in blaue Leichentücher (die übrigens mit dem gleichen Farbstoff gefärbt wurden wie heute Jeans). Und in der Kunst gilt Blau seit der Romantik als Symbol für verlorenen Lebenssinn. Der Tod zweier Menschen steht im Mittelpunkt von Krzysztof Kieslowskis Kinofilm "Drei Farben Blau", einem beeindruckenden Werk der cineastischen Farbenlehre. Übertroffen nur noch von Derek Jarmans Film "Blue": 74 Minuten lang nichts als eine blaue Leinwand. Durch die penetrante Konfrontation mit der Farbe Blau, so glaubte der aidskranke Regisseur, könne er dem Publikum am wirkungsvollsten etwas von der Hölle vermitteln, in die er durch seine Krankheit geraten ist.

Weshalb ausgerechnet dieses Blau für die Besten der deutschen Industrie stehen soll, wissen nur die Götter oder die Psychoanalytiker.