So sah sie der Autor: die (verwitwete) Herrin vom Lande - "immer hübsch nach der Mode gekleidet" und trotzdem voller "Sorge um den Haushalt" eine, die "den gesteppten Hausrock und die Haube wieder zu Ehren" brachte die sich "dreinschickte" und "zufrieden" wurde, weil sie einsah, "daß es im wirklichen Leben keine Helden gibt" die "jetzt ruhig" ist, denn "Gewöhnung schenkt uns der Himmel", und das Grundprinzip heißt "Aber mein Gatte liebte mich sehr". Die (ältere) Tochter - den ganzen Tag nur in ihren Schmöker vertieft, wobei die erlesenen "Qualen des Herzens, den diese Liebenden erleiden", sie rühren, denn "sie tun mir so leid, die Ärmsten".

Oder die jüngere, das exakte Gegenstück zu ihrer Schwester - "Warum seufzen, wenn voller Glück meine Jugendtage sanft vorüberziehen?

Ich bin heiter und mutwillig, alle nennen mich ein Kind!" Und dagegen die Landleute, die Arbeiter und Bauern - denen "die Füße schmerzen vom vielen Gehen", die "Hände schmerzen von der Arbeit", das "Herz schmerzt vom Kummer". Andererseits die zwei (kaum reiferen) Herren aus der Stadt, die den jungen Damen begegnen, in blinder lyrischer Verfallenheit der eine, in intellektueller Schein-Überlegenheit der andere. Außer dörflichem Alltag und kleinbürgerlich-gesellschaftlichem Party-Small-talk passiert nichts - Frustration hier, Eifersucht dort, "Ich fordere Satisfaktion!"

Deren Sorgen möchte man heute noch einmal haben.

Wollen wir das also nicht in jene Welt übertragen, die uns heute aus dem Boulevardblatt wie vom Bildschirm als Realität entgegenspringt: Macho und Geisteskranker sprengen Kleinstadt-Idylle? Oder: Die späte Rache der schönen Tatjana?

Kunst, Theater, Oper, zeigt uns Götz Friedrich in seiner Inszenierung von Tschaikowskijs "Eugen Onegin", zeigt uns das aufmerksame Ensemble jetzt an der Berliner Deutschen Oper, hat etwas mit der Kontinuität von Geschichte zu tun, mit dem "Alles fließt" (und bleibt sich doch nicht gleich, aber ähnlich) faßt das Allgemeine im Besonderen, läßt im Gestrigen das Heutige durchscheinen. Und so leben die Personen als glaubwürdige historische Individuen, "gefrieren" aber immer wieder die Bilder, geben unserer Phantasie Zeit für Analogie-Schlüsse, für eine doppelte Betroffenheit. So teilen in Andreas Reinhardts Bühnenbild diffuse Schleier die Realität von der Phantasie, distanzieren und trennen Vorstellungswelten, fügen sie aber auch ineinander. So schiebt sich der Traum über die Wirklichkeit, und wir wissen kaum, in welcher Sphäre wir uns befinden. Der große kahle Raum mit dem frei stehenden Bett oder dem kleinen nackten Schreibtisch: Es geht hier nicht um Einblicke in lyrisch-pittoreske Intimität, sondern um elementare und existentielle Befindlichkeiten, um die Einsamkeit in einer lebensbestimmenden Entscheidung etwa. Das Auge-in-Auge oder das Spiel der Hände der Freunde vor dem Duell: Was ist das: "Ehre"? Das klassische kaiserlich-russische Ballett gar unmittelbar nach der tödlichen Schießerei: "Wach ich oder träum ich?"

Kunst, Theater, Oper, sagt dieser Abend auch noch, habe - gerade im Baustellen-übersäten und Aufbruch-euphorischen Berlin - mit etwas mehr zu tun als dem eins und eins zusammenzählenden Denken und Gebaren von Finanz- und anderen Senatoren. Die Antwort auf die Frage, was wichtig ist und was nicht, errechnet sich - hier - nicht mit den Methoden eines Buchhalters, sondern findet sich allein aus der Notwendigkeit und der Qualität sowie der Reflexion, was diese Parameter uns wert sind.