Ein paar Kilometer hinter Binz weist ein Schild nach rechts: "Strandhotel im Koloß von Rügen". Der Koloß jedoch ist unsichtbar. Nur das Rauschen der Kiefern mischt sich mit dem Dröhnen der Brandung.

Unsichtbarkeit gehört zum Stahlbetonmonstrum in Prora, das einst die NS-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) als Ferienmaschine für 20 000 Volksgenossen bauen ließ - mit geplanten 4,5 Kilometern das größte Haus Deutschlands. "Diese heiligen Hallen hat man damals ja gar nicht gesehen", sagt der ehemalige NVA-Offizier Uwe Mayerl.

Er meint das nicht nur metaphorisch.

Als er in Prora im Sperrbezirk diente, sah er tatsächlich nur Ausschnitte des endlosen Gebäudes. Denn auch ihm waren die Wege streng vorgeschrieben. Er wohnt noch immer auf dem Gelände, in Plattenbauten, und arbeitet jetzt im Prora-Museum, das nicht nur ein achtzehn Meter langes Modell des KdF-Baus zeigt, sondern auch die liebevoll konservierten NVA-Kasernenräume, mit Dienstplänen und den "Originaltoiletten".

Erst 1990 tauchte der Koloß aus dem Sperrbezirk der NVA und der Geschichte auf. Die endlose Ruine der nationalsozialistischen Utopie ein Focus aller Interessenkämpfe und Intrigen, aller Ängste und Wünsche auf der Insel Rügen. "Wem das gehört, der kann mit der Insel machen, was er will", sagt Jürgen Rostock, Autor des informativsten Prora-Buches ("Paradiesruinen", 1992). Im Augenblick gehört "das" dem Bundesvermögensamt. Es will Prora loswerden, aber wie? Abreißen und Bauland schaffen der Natur übergeben als Denkmal einzäunen und seeseitig beleuchten, wie es 1994 der Kreistag beschloß so wie es ist, vielseitig nutzen - jede Alternative hat gute Gründe und ungewisse Kosten.

Seit 1992 sucht man in Symposien, Workshops, Foren einen Konsens zwischen Kreis und Kommune Binz, zwischen Denkmalschützern, Investoren, Behörden, Parteien, Naturschützern, Nutzern. Die Ostseezeitung zählte jüngst den tausendsten Leserbrief zum Thema. Bis heute gibt es keine Planungssicherheit für Investoren. Für die Planung des Kreises ist Prora ein "weißer Fleck", kritisiert Hildegard Kramer, die Präsidentin der Oberfinanzdirektion, die "Eigentümerin".

Die Verantwortlichen im Landkreis wiederum fürchten den Sprengsatz Prora, der einen Massentourismus, den niemand auf der Insel will, entfesseln könnte.