BERLIN. - Wenn sich allzuviel ändert, werden Veränderungen nicht wahrgenommen. Die Berliner Verhältnisse lehren das exemplarisch.

Die Zeitungen am Ort, die sich so redlich bemühen, hauptstadtreif zu werden und kontinuierlich an Auflage verlieren, stecken im Inneren der Aktualitätslawine. Richtungswechsel lassen sich da bekanntlich nur schwer beobachten. Die Presse bleibt provinziell, nicht weil sie am Tellerrand klebt, sondern zwanghaft darüber hinausblickt. Sie ist fixiert auf das Allgemeine in der allgemeinen Politik und kann die Allgemeinheit in Berliner Besonderheiten nicht mehr erkennen. So ist die Berliner Architekturdebatte nicht in Berlin inititiert worden. Und so wird der Bruch im politischen Milieu Berlins übersehen. Ich behaupte, daß am vorletzten Wochenende eine Zäsur stattfand. Die Berliner Presse ging hin, hörte zu, berichtete korrekt und ordnete es als Ortspolitik ein. Nur die taz machte daraus ein Tagesthema. Mit anderen Worten: Es geht um die Parteitage der SPD und der Bündnisgrünen.

Der Tenor ist ziemlich gleich: Lob für die bravouröse Rede der sozialdemokratischen Finanzsenatorin Fugmann-Heesing. Ihre Tabubrüche werden zitiert. Der Tagesspiegel macht aus ihrem zentralen Satz eine Schlagzeile für die erste Seite: "Berlin verweigert die Wirklichkeit".

Die Welt, die eine Berliner Zeitung sein will, titelt im Lokalteil banal: "Finanzsenatorin wirbt um Vertrauen". Was soll sie sonst wohl auf einem Parteitag tun? Das Neue Deutschland machte mit der Sozialkonferenz der PDS ("Viel klagen, wenig Kampf") auf und schrieb auf Seite 6, die Finanzsenatorin habe ihre Provokation "rhetorisch hübsch verpackt". Die FAZ, die den Ruhm der besten Lokalberichterstattung beansprucht, erklärte die ungewohnte Harmonie aus dem Waffenstillstand zwischen den Parteiflügeln. Solange die CDU auf die Starrolle von Fugmann-Heesing neidisch sei, bleibe sie vor Angriffen aus der Partei geschützt. Nur die Berliner Morgenpost kam dem Ereignis nahe. Als einzige Zeitung kommentierte sie: "Nicht durch Anbiederung bei den Delegierten oder Verharmlosung der Probleme sammelte sie Punkte, sondern durch ihre schonungslose Analyse der Realität. Das hatte vor diesem Parteitag noch kein Sozialdemokrat gewagt." Alles richtig. Kein Blatt jedoch zog die naheliegende Parallele zu den Grünen.

Das Schlüsselzitat der Finanzsenatorin lautete: "Die Krankheit dieser Stadt heißt: Wirklichkeitsverweigerung." Das Ereignis war die Reaktion. Einer der klassischen Berliner Krankheitsherde, der SPD-Parteitag, der seit Jahren in der Tristesse der real sozialistischen Kongreßhalle am Alexanderplatz tagt, dieser Verein also spendete Beifall. Dann kamen die Provokationen: "Alle Berliner Liegenschaften und Mietobjekte sollen privaten Verwaltungsgesellschaften übergeben" werden die Privatisierung der Wasserwerke, das Ende des sozialen Wohnungsbaus, die Angleichung der sozialen Standards an die bundesrepublikanische Normalität, die "soziale Differenzierung" bei den sozialen Leistungen.

"Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, daß sozialer Fortschritt in kostenloser Allgemeinversorgung besteht." Oft wurde der Atem angehalten, aber immer gab es Beifall.

Oskar Lafontaine, der zweite Hauptredner, bot dann eine flamboyante Lehrstunde in politischer Ökonomie und die bekannte Auch-da-hat-wieder- Kohl-versagt-Rhetorik. Er zielte auf die "Kuschelecke" des Parteitages, die Frau Fugmann-Heesing ironisch kommentiert. Die SPD jubelte Oskar zu, aber er verließ als zweiter Sieger das Pult.