Nun ist er wohl eingezogen, der vielbeschworene "heiße Herbst".

Mit massiven Protesten wehren sich die Beschäftigten der Metallindustrie gegen die Kürzung der Lohnfortzahlung. Nachdem der Arbeitgeberverband Gesamtmetall seinen Mitgliedern empfohlen hat, die Gesetzesänderung vom 1. Oktober an durchzusetzen, eskaliert der Konflikt in den Betrieben. Vor allem beim Vorreiter Daimler-Benz stehen die Zeichen auf Sturm. Den Stuttgarter Konzern kostet der Streit Millionen - ein hoher Preis für einen riskanten Kurs.

Das soziale Klima in der Bundesrepublik galt stets als Standortvorteil der deutschen Wirtschaft. Vertrauen und Vernunft beim Austragen von Konflikten sorgten über Jahrzehnte für Wettbewerbsfähigkeit und stabile Verhältnisse in den Betrieben. Mittlerweile jedoch glauben Verbände und einige Konzerne, auf den Konsens mit den Arbeitnehmern verzichten zu können.

Gewiß, das neue Gesetz zur Lohnfortzahlung, das Kranken nur noch achtzig Prozent ihres Einkommens zubilligt, ist vor wenigen Tagen in Kraft getreten. Doch daß die Unternehmen mit der Brechstange versuchen würden, es ohne Rücksicht auf bestehende Tarifverträge sofort umzusetzen, das erschreckt nicht nur die Gegner der Kürzung.

Rund achtzig Prozent der Beschäftigten, errechneten Regierungsexperten, seien von der Reform so lange nicht betroffen, bis die Tarifparteien neue Abkommen unterschrieben hätten.

Die Arbeitgeber indes nutzen die Gunst der Stunde. Warum lassen sie sich nicht die Zeit, bestehende Verträge ordentlich zu kündigen und nach gemeinsamen Lösungen mit der IG Metall zu suchen? Warum senken sie nicht den zweifellos zu hohen Krankenstand durch Mitarbeitergespräche, Gesundheitsvorsorge und ergonomische Arbeitsplätze? Viele Firmen haben mit solchen Programmen doch schon frappierende Erfolge erzielt.

VW, wo man dem Konfrontationskurs im übrigen nicht folgt, hat die Abwesenheitsquote so auf vier Prozent halbiert. Wie die Wolfsburger reagieren immer mehr Unternehmen. BMW zum Beispiel, aber auch Porsche und viele andere wollen zusammen mit ihren Betriebsräten Lösungen für die Beschäftigten erarbeiten. Die Kompensation der Fehlzeiten über Arbeitszeitkonten, Freischichten oder Urlaubstage wird ohne Krach zum Erfolg führen.