MÜNCHEN. - Ihr Bruder bekam Asyl. Sie jedoch nicht. Ling-Lie (der Name wurde auf Wunsch geändert), Chinesin mit politischer Vergangenheit, zuckt resignierend mit den Schultern. Wann sie aus Bayern abgeschoben wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Und das, obwohl das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge und das zuständige Gericht ihre Teilnahme an den Studentenprotesten 1989 in China nicht bestreiten. Aus ihren Asylakten geht hervor:

Zwischen dem 27. Mai und dem 4. Juni 1989 beteiligte sie sich an mehreren Kundgebungen, unter anderem vor dem Regierungssitz in Nanjing. Dort wurden Ling-Lie und ihr Bruder von chinesischen Sicherheitskräften gefilmt. Im Glauben an mehr Menschenrechte und Freiheit in China verteilte Ling-Lie Flugblätter und klebte Wandzeitungen an öffentliche Gebäude. Ihr Bruder kämpfte an vorderster Front als einer der Anführer der Bewegung, organisierte Straßenblockaden und legte sich auf Schienen, um den Zugverkehr lahmzulegen. Mehrmals geriet er dabei in direkte Auseinandersetzungen mit der chinesischen Polizei.

Als die Proteste auch in Nanjing mit brutaler Gewalt zum Ersticken gebracht wurden, tauchte er unter, während Ling-Lie, damals erst fünfzehn Jahre alt, bei den Eltern blieb. Doch es sollte nicht lange dauern, bis die Schergen der KP vor der Tür standen. Mehrmals mußte sie Verhöre über sich ergehen lassen. "Einmal haben sie mich mit den Füßen so lange getreten, bis ich bewußtlos wurde", berichtet sie. Das Versteck ihres Bruders gab sie dennoch nicht preis. Wochen später tauchten die KP-Ermittler in ihrer Schule auf. Der Direktor zitierte Ling-Lie daraufhin zu sich, um ihr den Rausschmiß aus der Schule mitzuteilen.

Da die Verfolgung der Aktivisten der Demokratiebewegung nicht nachlassen wollte, beschlossen die rebellischen Geschwister 1991 zu fliehen. Zwei Tage vor Ling-Lies Volljährigkeit passierten sie mit gefälschten Papieren die chinesische Grenze Richtung Westen.

Wochen später erreichten sie Deutschland und beantragten Asyl.

Während das Bundesamt ihren Bruder auf Anhieb als Berechtigten anerkannte, lehnte es Ling-Lies Begehren ab. Die Schläge und Polizeibesuche hätten "nicht ihr, sondern ihrem Bruder gegolten", behauptet die Behörde. Im Gegensatz zu ihrem Bruder sei sie "eine Mitläuferin".

Und als solche habe sie bei einer Abschiebung nichts zu befürchten.