Bescheidenheit und Größe gehören zusammen. Hierfür hat in der zurückliegenden Woche das Auswärtige Amt ein schönes Beispiel geliefert. Da kämpft Klaus Kinkel auf der UN-Konferenz in New York für einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, auf daß dem wiedervereinten Land endlich der internationale Einfluß zukomme, der ihm zusteht. Und was passiert zu Hause? Da gibt die Führung des Amtes Anweisung an alle Beamten, deutsche Besucher nicht länger mit Kaffee, Sprudel oder Gebäck zu bewirten. Denn der hierfür vorgesehene Etat von 194 000 Mark war bereits Anfang September restlos aufgebraucht. Bleibt zu hoffen, daß der Bewirtungsetat für ausländische Gäste noch eine Weile reicht. Sonst geht der Traum des Ministers vielleicht nie in Erfüllung.

Eine Woche ohne große Perspektiven, dafür mit neuerlich erzwungener Bescheidenheit - das hat die Bundesstadt Bonn gerade hinter sich: Auch der Bundesrat wird also nach Berlin aufbrechen. Vergessen die Durchhalteparolen von der Resistenzkraft des Föderalismus gegenüber der künftigen Zentrale an der Spree, die nicht zuletzt durch den Verbleib am Rhein demonstriert werden sollte. Nun wollen fast alle nach Berlin. Auch die letzten Umzugsgegner - NRW, Rheinland-Pfalz und das Saarland - präsentierten sich auf der entscheidenden Bundesratssitzung eher leidenschaftslos. Die schiefe Ebene Richtung Berlin ist längst installiert. Keine allzu gewagte Prognose, daß auch die Bonn versprochenen Rest-Ministerien irgendwann ins Rutschen geraten. Schön immerhin, daß es schon einen (wenn auch bescheidenen) Rutschbahneffekt in die Gegenrichtung zu verzeichnen gibt. Die Chancen Bonns, so ist zu hören, künftig das UN-Wüstensekretariat zu beherbergen, sind deutlich gestiegen. Seine Aufgabe: Kampf gegen die Verwüstung.

Zu neuer Bescheidenheit hat, in der Bild-Zeitung, jetzt auch Zukunftsminister Jürgen Rüttgers aufgerufen. Während des Etatstreits mit dem Finanzminister hat er ja gerade selbst vorgelebt, wie schön es sein kann, auch einmal zu verzichten - also drängt es ihn, seine neu gewonnene Lebenserfahrung weiterzugeben. Die Reform der Ausbildung in Deutschland stellt er unter das schöne Motto: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre".

Das ist einfallsreich formuliert und klingt richtig nach Aufbruch in die Zukunft. Alle Achtung. An einem so originell eingefädelten Reformdiskurs werden sich die Azubis sicher gerne beteiligen.