London

Nur Hasardeure wetten derzeit noch höhere Einsätze darauf, daß nach den nächsten Wahlen die Möbelwagen vor Nummer 10 Downing Street nicht vorfahren werden. Selbst Norma Major scheint an den politischen Überlebenschancen ihres Mannes zu zweifeln: Ja, sie glaube, daß Cherie Blair mit der Rolle als Gattin des Regierungschefs zurechtkommen "wird". Dieser Satz war der stets stillen, zurückhaltenden Mrs. Major im Gespräch mit einer Journalistin über die Lippen gekommen. Dabei wollen die PR-Manager der Tories die 54jährige doch als "Geheimwaffe" im Wahlkampf einsetzen. Nur der verbale Ausrutscher einer Frau, ungeübt im politischen Geschäft? Schon blühen in London die Spekulationen vielleicht habe Norma Major nur unabsichtlich die Gemütsverfassung des Premiers enthüllt.

Zwar ist John Major Kummer gewohnt, vor allem mit seiner eigenen Partei. Und er hat sich in sechs Jahren Amtszeit als wahrer Überlebenskünstler erwiesen. Aber defätistische Anwandlungen wären allzu verständlich.

Ausgerechnet jetzt, in den Tagen vor dem konservativen Parteitag im südenglischen Seebad Bournemouth, ist bei den Tories der fragile Waffenstillstand über Europa zusammengebrochen. Ausgerechnet jetzt, da New Labours glattpolierte Fassade ein paar Haarrisse zeigt.

Doch statt sich auf den politischen Gegner einzuschießen und möglichst viel Kapital aus den nostalgischen Reflexen von Old Labour zu schlagen, brachen zwischen den Flügeln der Regierungspartei wieder Grabenkriege aus.

Der Parteitag droht damit zum Schlachtfeld zu werden. Die Eurogegner drängen Major zu einer Entscheidung. Dabei beruht der interne Kompromiß der Tories doch gerade darauf, über eine Mitgliedschaft in der Europäischen Währungsunion jetzt noch nicht zu entscheiden.

Für den rechten Flügel ist diese agnostische Position nicht länger akzeptabel - trotz des Versprechens eines Referendums über die Währungsunion, die man dem Regierungschef vor Monaten abgerungen hatte. Die Rechte verlangt, jetzt und sofort, ein klares Nein, das für die gesamte nächste Legislaturperiode gelten soll. Die Entschlossenheit, mit der Bonn und Paris das kontinentale Projekt vorantreiben, erfüllt die Euroskeptiker mit maliziöser Genugtuung.