Zu Hause, in ihrem 200-Quadratmeter-Dachgeschoß in der Wiener Josefsstadt, trägt die berühmte Autorin knallblaue Flauschpuschen an den nackten Füßen. Nun wäre das nichts, was man kurz vor ihrem 60. Geburtstag verraten müßte - gäbe es da nicht eine passende Szene in dem bekannten Nöstlinger-Roman "Stundenplan". Genervt, wie Vierzehnjährige eben sind, bemerkt Heldin Anika die neuen "fliederfarbenen Lammfellpatschen", in denen ihre Mutter "im Seemannsgang, damit die Hufe nicht aneinander scheuern", der Küche zusteuert. Zeugt es nicht von schöner Selbstironie der Autorin, daß sie ausgerechnet solche "Fellhufe" zur Schau trägt?

Ein Erwachsener, der gute, wirklichkeitsnahe Bücher für Kinder schreiben will, muß über Generationsgrenzen hinweg die Perspektive wechseln. Das ist nicht einfach. Christine Nöstlinger nennt es die heikle Gratwanderung, von einer "Bewußtseinsebene aus zu formulieren, die nicht die eigene ist". Unbestritten hat sie es darin weit gebracht. Mehr als hundert Bilder-, Kinder- und Jugendbücher mit einer Gesamtauflage über zehn Millionen stammen aus ihrer Feder. Zeitweise erschienen drei pro Jahr, in jedem ihrer Verlage eines. Viele davon, etwa die Dauerbrenner "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse" oder "Maikäfer, flieg!", wurden preisgekrönt und sind längst Schullektüre für ihr Gesamtwerk erhielt Christine Nöstlinger schon vor zwölf Jahren die internationale Hans-Christian-Andersen-Medaille.

Sie komme sich vor wie eine "Einmannbuchstabenfabrik", hat sie einmal gesagt und gleich warnend hinzugefügt, sie mogle sich unentwegt durch: "Ich habe gewisse Vermutungen darüber, was Kinder lesen wollen, und gewisse Vermutungen, was Kinder lesen sollten. Und dann habe ich noch das dringende Bedürfnis, mir gewisse Dinge von der Seele und aus dem Hirn zu schreiben. Und die feste Überzeugung, daß Kinder beim Lesen gern lachen, die habe ich auch. Aus diesen vier Komponenten mische ich üblicherweise meine Bücher zusammen . . ."

Heraus kommen meist Alltagsgeschichten von verzwickten Familienverhältnissen: Die Eltern sind geschieden oder trennen sich gerade, sind frisch verliebt oder sonstwie mit sich selbst beschäftigt. Die Kinder haben oft erstaunlichen Durchblick und ein sicheres Gespür für Verlogenheit, aber plagen sich ihrerseits mit Schulproblemen, großen Lieben und der eigenen Unsicherheit. Das könnte alles ganz traurig sein. Doch versehen mit Nöstlingerscher Komik und Menschenkenntnis lesen sich noch die ernstesten An-, besser: Ungelegenheiten sehr vergnüglich. Und manchmal kommen den leidgeprüften Kindern auch phantastische Begebenheiten zu Hilfe. Da fliegt die "Feuerrote Friederike" auf ihren Zauberhaaren ins herrliche Traumland da steht der "Zwerg im Kopf" der kleinen Anna mit Rat und Tat zur Seite da kann der Knabe Anton sich vor lauter Einsamkeit gerade noch zum "TV-Karl" in den Kasten retten. Den ganz normalen Wahnsinn in immer wieder neuen und originellen Varianten zu schildern: Das macht der Nöstlinger so schnell keiner nach.

Sie kommt, im Seemannsgang, mit frischem Kaffee aus der Küche.

Sie selbst trinkt Saft, vergißt aber regelmäßig, vorher den Verschluß zu öffnen, wenn sie nachschenken will. Die tiefe, vom Rauchen ein bißchen heisere Stimme könnte über ihre innere Anspannung hinwegtäuschen. Aber ihre Hände sind unablässig in Bewegung. Sie klemmt sie unter den Oberschenkeln fest und sitzt nun vorgebeugt wie auf Abruf.

Was hat man nicht schon alles über sie geschrieben! Und was hat sie nicht schon über sich und ihre Absichten gesagt! Am schlimmsten, erzählt sie, sind immer die Pädagogikstudenten gewesen, die sie inzwischen abwimmelt. Ganz genau haben die alles wissen wollen: ob sie Lebenshilfe geben, soziale Phantasie wecken, Kritikfähigkeit lehren wolle und so weiter. Oder die Lehrerinnen, mit denen sie auf Lesereisen abends hat essen gehen müssen! Das komplette Schicksal, drei Scheidungen inklusive, haben sie vor ihr ausgebreitet und sich der Autorin dann beschwörend zugeneigt: "Frau Nöstlinger, da müssen Sie ein Buch draus machen!"