Die dabei waren, 1953, werden den Schock noch heute nachfühlen können: das kahle Podium im Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks in Köln, auf dem lediglich ein paar Lautsprecher postiert waren, die dem Publikum die erregenden und provokativen ersten Produkte der gerade erfundenen Elektronischen Musik zu Gehör brachten.

Zwei Jahre zuvor hatte an Hamburgs Rothenbaumchaussee ein anderes präfabriziertes Musikwerk Furore gemacht: Hans Werner Henzes Funkoper "Ein Landarzt", ein Auftragswerk, nach einer Novelle von Franz Kafka, das am 19. November 1951 im Rahmen seiner Sendereihe "das neue werk" als Tonbandkonserve uraufgeführt und zehn Tage später im Gemeinschaftsprogramm des, damals noch, NWDR ausgestrahlt wurde.

Als Gattung sui generis war die Sache nicht neugewesen: Nach ersten funkeigenen, auf rein Akustisches zugeschnittenen Objekten wie "Hörspiel" (1924) und "Funkoratorium" (1929) hatte der Sender Köln-Langenberg Heiligabend 1929 mit der ersten Funkoper "Christkindleins Erdenreise" seines dirigierenden und komponierenden Tonmeisters Gustav Kneip ein medienspezifisches Kunstwerk gesendet. Prominentere Nachfolger waren Werner Egks "Columbus" (1933, Sender München), "Das kalte Herz" von Mark Lothar (1935, Deutschlandsender) oder etwa "Die schwarze Spinne" von Heinrich Sutermeister (1936, Radio Beromünster).

Nach dem noch etwas schüchternen ersten Versuch mit Kafkas verschlüsselter, expressiv-lyrischer und in Dramatik wie Tempo sich geradezu balladenhaft steigernder Kurzerzählung hatte Hans Werner Henze zwei Jahre nach dem "Landarzt" ein weiteres "Radiophonisches Musikspiel" geschrieben, die auf ein Libretto von Wolfgang Hildesheimer verfaßte Funkoper "Das Ende einer Welt", die wiederum vom NDR bestellt und am 4. Dezember 1953 im NWDR zur Ursendung gebracht worden war. Anders als in der wortgetreuen, lediglich mit ein paar Halleffekten manipulierten Übertragung Kafkas kamen in Hildesheimers "lieblosen Legenden" die Absurditäten und skurrilen Begegnungen verlogener Kulturmanager und smarter Party-Snobs auf der künstlichen Laguneninsel Montetristo (S. Amerigo) der noch etwas ärmlichen Radiotechnik (Bandmontage, Hall- und Echowirkungen, Überlagerungen, zurückspulende Bänder) illustrativ weit mehr entgegen. Deren völliger Ausschluß bei den später für die Bühne adaptierten Fassungen (1964) tat dem Original enormen Abbruch. Es drängte auf Autonomie.

Demnach war es nur folgerichtig, daß Wolfgang Becker, Leiter der Abteilung Neue Musik im WDR, in seinem Haus die Neugestaltung der beiden funkimmanenten Frühwerke durchsetzte, die nun in einer nachträglichen Feier zu Henzes 70. Geburtstag (unter dessen Mitwirkung als Erzähler) in Köln, danach in Henzes Geburtsstadt Gütersloh der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Daß die frappierenden Errungenschaften der modernen Digitaltechnik und Raumbeschallung dabei die wichtigsten Anhaltspunkte waren, liegt auf der Hand, zumal die Partituren, die, ohne radiophone Geräuschkulisse, ebenso die konzertante Darbietung erlauben, bis auf vereinzelte Korrekturen in der Instrumentation völlig unangetastet blieben. Henzes forscher und luzider (Zwölfton-)Stil von einst war nicht zu revozieren. Seine Klangästhetik ist eine andere als vor vierzig Jahren, als er im Darmstädter Serialismus, im Donaueschinger Avantgardismus, erst recht in der Kölner Elektronik Negativerscheinungen ausmachte, die ihn zur völligen Abkehr von Land und Mentalität führten. Der Umzug nach Italien änderte auch grundlegend seinen kompositorischen Weg.

Erst jüngst, für das "Remake" der beiden Funkopern, ist er zum ersten Mal in ein elektronisches Studio eingekehrt und (unter der Assistenz von drei Mitarbeitern) binnen zwei Monaten, wie es scheint, zum Konvertiten geworden. Er lernte dort schnell, sich mit Equipment vertraut zu machen. Alles, selbst Archivmaterial, nahm er in Beschlag. So ließ er sich für die "Verfremdungseffekte" etwa in "Das Ende der Welt" allein dreißig Varianten einer vorbeifahrenden Lokomotive vorführen, um die charakteristischste auszuwählen.

Auch Schiffssirene, Morsezeichen, Gewitter oder zersplitterndes Glas suchte er penibel aus. Nichts überließ er dem freien Zugriff der Mitarbeiter, die immerhin vom Komponisten York Höller (als gewieftem Studioleiter) angeführt wurden. Es gab Arbeiten zuhauf: Bei einer großen Anzahl von Instrumentalklängen (Klavier) wurden die "Attacken", also die Ein- und Ausschwingvorgänge, gekappt, um nur Resonanzen klingen zu lassen andere wurden in Rückblenden und Schleifen ("Ostinati") umgepolt. Getrennte Räumlichkeiten im "Landarzt" oder die Atmosphäre eines Schloßsaales, wo mit höfischer Geste eine barocke "Sonata da Camera" live und per Tonband persifliert wird, in "Das Ende der Welt", ergaben sich durch punktuell gesteuerte Halleffekte.