Es ist nicht das erste Mal, daß nach einem schrecklichen Verbrechen die angeblich zu milden Strafgesetze angeprangert werden. Aber im Falle des sexuellen Mißbrauchs von Kindern ist diese ansonsten berechtigte Reaktion vorschnell. Eine grundlegende Reform von Strafrecht und Strafpraxis ist seit langem überfällig.

Hätte die Union vor einem Jahr den politischen Mut gehabt, den sexuellen Mißbrauch zusammen mit der Reform der Vergewaltigung in der Ehe zu behandeln, wäre eine Angleichung der Strafdrohung an den Verbrechenstatbestand der sexuellen Nötigung/Vergewaltigung unumgänglich gewesen. Das Sexualstrafrecht hätte also in beiden Punkten verschärft werden müssen. Selbst Strafrechtsskeptiker müssen zugeben, daß ein eklatantes Mißverhältnis zwischem dem noch immer als Vergehen sehr niedrig eingestuften Tatbestand des sexuellen Mißbrauchs und dem Verbrechen der sexuellen Nötigung Erwachsener nicht hinnehmbar ist ganz zu schweigen von den drakonischen Strafdrohungen bei schweren Eigentumsdelikten (fünf Jahre Mindeststrafe bei schwerem Raub).

Die Wertungswidersprüche des überkommenen Strafrechts haben historische Gründe. Sexualdelikte galten bis zur Reform 1968/1975 als "Unzuchtsdelikte".

Nicht der Machtmißbrauch, sondern jede Form außerehelicher Sexualität galt als "Sünde". In den 1970er Jahren wurde die Vorstellung, Strafrecht habe die Aufgabe, eine herrschende Sexualmoral durchzusetzen, halbherzig revidiert. Menschen, die sich zu Kindern hingezogen fühlten, galten nun als therapiebedürftig. Der Aspekt des Machtmißbrauches wurde nicht gesehen. Man wollte "helfen statt strafen". Erst wenn Kinder als Personen ernst genommen werden und das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Frauen denselben Wert einnimmt wie einst das Eigentum in der bürgerlichen Gesellschaft, kann sexueller Mißbrauch zur Kenntnis genommen und angemessen geregelt werden.

Der Tatbestand des sexuellen Mißbrauchs ist also zu reformieren.

Fortwährender sexueller Mißbrauch und jede Form der Einschüchterung und Drohung, also nicht erst die schwere körperliche Mißhandlung (so die Formulierung im geltenden Recht), sind als Verbrechen (und nicht als Vergehen) in das Strafrecht aufzunehmen.

Überfällig ist schließlich eine grundlegende Reform des Strafverfahrensrechts, um kindliche Opferzeugen altersgerecht und auch im Interesse der Wahrheitsfindung angemessener befragen zu können. Das liberale Strafprozeßrecht ist täterzentriert, das heißt es soll Beschuldigte vor staatlichem Machtmißbrauch schützen. Das Opfer ist in dieser Doktrin "Beweismittel". Seit dem Opferschutzgesetz 1987 ist diese Sicht überholt. Aber das Reformanliegen dieses Gesetzes ist bei der Strafverfolgung noch nicht angekommen.