B 1, 1. 10., WDR, 6. 10., und ORB,

19. 10.: "Wahn und Methode.

Schriftsteller und Staatssicherheit"

Welche ist die beste Staatsform? Nicht die, die ihre Bürger zwingen will, gut zu sein, sondern die, die es ihnen erschwert, böse zu sein. Dabei ist nicht nur an Kapitalverbrechen und deren Sanktion gedacht, sondern vor allem an die sich bietenden Chancen zu Verleumdung, Beleidigung, Rufmord und Denunziation. Je weniger verboten ist, desto toleranter muß der Bürger sein. Ist schon das freie Wort verpönt, eröffnet sich dem Bösen - dem Neid, der Niedertracht, der Perfidie - ein nahezu unbegrenztes Operationsfeld.

"Operation" hießen die Maßnahmen der Mielkeschen Staatssicherheit, der größten Wachstumsbranche in der einstigen DDR. "Operative Methode" war eine typisch bürokratische Verdoppelung und POZW = "Politisch-operatives Zusammenwirken" der polizeistaatliche Superlativ. Wer ein freies Wort wagte, wurde zum Objekt eines "operativen Vorgangs", sprich Bespitzelung, Einschüchterung, Überwachung, Verhaftung - und daran wirkten ganze Trupps ziviler Helfer mit. Der Staat hatte es seinen Bürgern leichtgemacht, böse zu sein, weil er zuviel verbot, und die Menschen, die schwachen, ergriffen die Gelegenheit.

Schriftsteller als Arbeiter am Wort waren schon durch Berufswahl oder Berufung verdächtig - es sei denn, sie bewährten sich als Lobredner des Regimes. Aber schon eine Verszeile, die den Klassenstandpunkt außen vor ließ, galt als unerwünscht. Die Lyrikerinnen Annegret Gollin und Elke Erb wurden verfolgt, weil sie ohne Parteiauftrag dichteten, die Schriftsteller Martin Stade, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, weil sie eine Anthologie im Selbstverlag rausgeben wollten. Andere wurden aus der Republik geekelt oder langsam zermürbt.

Es war ein regelrechter Krieg, den die Stasi gegen die geistige Elite ihres Landes führte. Sie pflegte die Opfer mit dem Hinweis zu bedrohen, sie habe den längeren Arm. "Dabei ging es", so Rainer Kunze, "um den Kopf."