Im Jahr 1972 veröffentlichte K. G. Pontus Hultén, damals Direktor des Moderna Museet in Stockholm, ein schönes, ausgefallendes Buch mit dem Titel "Jean Tinguely - ,Meta`" im Berliner Propyläen-Verlag.

Oben auf der Rückseite des Vorsatzes, dort, wo sonst der aufopferungsvollen Gattinnen gedacht wird, stand ein Versprechen: "Ein noch umfassenderes Buch über Jean Tinguely hoffe ich später noch einmal zu schreiben."

Inszwischen macht der Propyläen-Verlag schon lange keine ausgefallenen Künstler-Bücher mehr (dieses kam als kleines, buntes Akten-Köfferchen daher), Pontus Hultén wurde zwischen Paris, Venedig, Los Angeles und Bonn zum fliegenden Wikinger des Museums- und Ausstellungsbetriebs, und Jean Tinguely starb im Jahr 1991. Aber nun hat Hultén sein Hoffnungsversprechen doch gehalten, anders und größer: Er ist der Intendant - so sagt man heute in einer weitgehend theatralisierten Kunstwelt - des soeben in Basel eröffneten Jean-Tinguely-Museums, das ohne seine Kenntnis des Werkes, die ihrerseits durch eine jahrzehntelange enge Freundschaft zu Tinguely fundiert ist, vielleicht gar nicht zustande gekommen wäre. Die anderen Gründerfiguren dieses Museums aus altrosa Sandstein am Rhein: die Künstlerin Niki de St. Phalle, mit Tinguely in zweiter Ehe und langer Kunstgütergemeinschaft vereint, die dem Haus über fünfzig Maschinen-Skulpturen aus dem Nachlaß schenkte und der Basler Pharma-Konzern Hoffmann-La Roche, der aus Anlaß des 100. Firmenjubiläums sich und der Stadt Basel den Bau samt einiger Arbeiten aus dem Besitz der Firmensammlung schenkte.

Als Pontus Hultén im Jahr 1954 in Paris zwei Galerieausstellungen von Tinguely sah, da war er so begeistert von den kleinen, mit Kurbel oder Motor angetriebenen Drahtskulpturen und den kinetischen Wandreliefs, auf denen sich weiße, geometrische Formen vor einem schwarzen Hintergrund bewegten, daß er den Künstler sofort kennenlernen wollte. Man traf sich, und wie diese beweglichen, mal mehr, mal weniger geräuschvollen Kunstwerke genannt werden könnten, war die Frage, die sich gleich in den ersten Gesprächen stellte. Hulténs Vorschlag war "Méta-Mécaniques", denn im Großen Larousse hatte er gelesen, daß Meta wirklich alles hinter sich läßt, von der Physik bis zur Morphose.

Es war ein langer, erfolggesegneter Weg, der hier begann, und als Jean Tinguely im September 1991 in Fribourg, seinem Heimatort, begraben wurde, da hatten 30 000 Kinder schulfrei, und bei dem festlichen Trauerzug durch die Stadt rollte die Skulptur "Klamauk" hinter dem Sarg her: Räder, Glocken, Töpfe, Zimbalen und Eisenstangen spielten auf zum großen Altmetall-Konzert, das Motorengeräusch des Traktors, auf dem alles montiert war, lieferte den Generalbaß, explodierende Feuerwerkskörper und Stin kbomben sorgten für pyrotechnische und olfaktorische Überhöhung. Jetzt steht "Klamauk" in der hohen und großen, durch eine von der Decke bis zum Boden reichende Glasfront geöffneten Ausstellungshalle, zusammen mit den anderen Mega-Metas wie der "Großen Meta Maxi-Maxi Utopia", die begehbar und mit ihren Leitern, Rädern und Gerüsten siebzehn Meter lang und sieben Meter hoch ist. Man sieht von dieser ebenerdigen Halle hinaus in einen Park oder auch umgekehrt, vom Park hinein in die gepflegte Halle, wo die unordentlichen Maschinen unter Verschluß sind. Und ein bißchen den Eindruck erwecken, als sei hier der Abenteuerspielplatz für Erwachsene, im Depot.

Maschinen, die sich lustig machen über die Maschine. Anthropomorphe Monster, mit dem Löteisen aus Schrott aller Arten collagiert, die es, bei oft enormem Materialaufwand, endlos vergeblichem Rütteln und Schieben und gewaltigem Geklingel und Getöse, zu nichts bringen. Rührend erfolglose Maschinenwesen und in ihrer eigenen Vergeblichkeit gefangene Krachmacher, die alte und junge, gebildete und unverbildete Menschen aller Arten vielleicht deshalb so lieben, weil sie all die anderen Apparate, von deren Effizienz sie alltäglich gegängelt werden, freundlich karikieren. Tinguely? Bei diesem Wohllaut geht ein Lächeln über die Gesichter. Aber das war nicht immer so und vor allem: nicht immer so gemeint. Denn Tinguelys frühe Maschinen brachten es durchaus zu etwas. Zum Beispiel zur Auslösung von Angst und Schrecken. Oder auch zur Zerstörung ihrer selbst. Das aber kann nicht ausgestellt, nicht mehr erlebt, sondern nur dokumentiert werden.

Der Rundgang durch den Bau von Mario Botta, in den eine vom Haupthaus losgelöste Gangway mit Rheinblick hineinführt, beginnt im ersten Stock mit dieser doppelten Erfahrung. Während auf der einen Seite der Blick hinunter ins Erdgeschoß der Meta-Maxis offen ist, durchwandert man auf der anderen Seite die Kabinette mit Tinguelys Frühwerk der Mini-Antis. Und hier ist das zu entdecken, was vor dem schönen Schrott der späten Jahre etwas in den Hintergrund geraten ist: der junge Anarchist, dem der Gegensatz von Statik und Bewegung mehr bedeutete als eine physikalische Kategorie, der in der Bewegung die Unruhe wollte, die Veränderung forderte, die Metamorphose suchte. In kinetischen Reliefs wie "Meta-Malewitsch" und "Meta-Kandinsky" grüßte er die Giganten von gestern mit einem Kratzfuß und erklärte gleichzeitig das die fünfziger Jahre beherrschende Gefecht zwischen Abstrakten und Realisten für null und nichtig. Und die Zeichenmaschinen, die Tinguely seit 1955 baute, die oben mit einer Rolle Papier gefüttert wurden, das sie unten bekritzelt wieder ausspuckten, waren zwar eine Gaudi für das Publikum, aber nicht für seine Künstlerkollegen, die ihre Arbeit und ihren Status zu Recht ridikülisiert fanden.