Ramallah/Jerusalem

Tunnelrevolution" haben die Palästinenser ihren jüngsten Aufstand genannt. Er hätte auch anders heißen können - benannt nach ihrem wirtschaftlichen Elend und ihrem Zorn über die wachsende Zahl jüdischer Siedlungen. Der Ausnahmezustand raubt ihnen ihre Bewegungsfreiheit, Land wird enteignet, ihre Häuser werden zerstört - ebenso wie ihre Hoffnung auf Fortschritte im Friedensprozeß. Früher oder später wären sie deshalb - mit Steinen bewaffnet - auf israelische Checkpoints marschiert. Die Eröffnung des Tunnels entlang den islamischen Heiligtümern in Jerusalem bot einen besonders guten Anlaß, um die Wut endlich herauszulassen. Der Tempelberg ist schließlich auch ein Symbol für die gesamte arabische Welt, von der sich die Palästinenser in der Vergangenheit oft genug im Stich gelassen fühlten.

Als Jassir Arafat von der nächtlichen Tunneleröffnung durch die israelische Regierung erfahren hatte, griff er sofort zum Telephon und alarmierte Hosni Mubarak, König Hussein, Washington, die Europäer, Japaner und andere. "Ich habe ihnen allen gesagt, daß der Frieden in wirklicher Gefahr sei und daß sie ihren Einfluß nutzen sollten, um sein Ableben zu verhindern", erklärte er in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Yedioth Aharonot. Eine "Bombe" habe Benjamin Netanjahu geworfen, als er den jahrelang hinausgeschobenen, heiklen Mauerdurchbruch im muslimischen Viertel der Altstadt gerade jetzt zuließ. Der israelische Ministerpräsident hatte einfach alle Warnungen in den Wind geschlagen.

Der prominente Jerusalemer PLO-Mann Faisal Hussaini allerdings meint: Der wahre Grund für den "Tunnelaufstand" sei die Tatsache, daß Israel absichtlich den vereinbarten Status quo in Jerusalem in Frage stelle. An ihm aber soll bis zu einer Einigung über den endgültigen Status der Palästinensergebiete nichts verändert werden.

Die palästinensische Führung verhehlt nicht, daß der Aufstand eine "kontrollierte Entladung" war, die dem Likud-Mann Netanjahu eine Lektion erteilen sollte. "Wir können eben auch kalkulieren, nicht nur die israelische Regierung", meint ein Berater Arafats trocken. Noch vor wenigen Wochen hatte der PLO-Chef mit seinem Aufruf zum Streik und zum Massengebet kaum Gefolgschaft gefunden.

Hassan Khader vom palästinensischen Kulturministerium erklärt: "Die Explosion war das Ende eines langen Prozesses geduldigen Wartens. Psychologisch ist auf unserer Seite etwas zerbrochen."

Arafat habe sich lediglich an die Spitze der herrschenden Unzufriedenheit gestellt.