MOSTAR. - Die Wahlen in Bosnien vor zwei Wochen sollten der erste Schritt zu Demokratie und Frieden sein. Doch lange wurde darum gestritten, ob sie überhaupt gültig sind. Waren sie wirklich frei, fair und demokratisch? Oder gab es massive Wahlfälschungen, wie zahlreiche Beobachter der Wahlen kritisieren? Viel hängt davon ab, zum Beispiel die Frage, ob jetzt die Sanktionen gegen die Serbische Republik und die Bundesrepublik Jugoslawien automatisch aufgehoben werden. Auch braucht der Westen den Stempel der "freien und fairen Wahlen", um den Teilabzug der internationalen Truppen aus Bosnien und die Rückführung der Flüchtlinge politisch zu legitimieren.

In Mostar begannen die Probleme am Wahltag, als klar wurde, daß viele Wähler nicht wählen konnten, weil ihre Namen auf den neuen Wählerlisten nicht zu finden waren. Ihre Zahl schätzt die OSZE in Mostar auf gut 15 000 oder 12 bis 15 Prozent der Wähler. Das wäre vielleicht zu verschmerzen, hätten die restlichen 85 bis 88 Prozent der Wähler korrekt gewählt. Doch die International Crisis Group errechnete in Bosnien eine Wahlbeteiligung von über hundert Prozent.

Zählfehler oder Wahlfälschung? In einem unzugänglichen Bergdorf bei Mostar mit 60 Einwohnern stellten Wahlüberwacher am Abend des Wahltages überrascht fest, daß dort mehr als 150 Stimmen abgegeben wurden. Doch ob hier gemogelt wurde, konnte keiner sagen. Es gab nämlich keinen Mechanismus, mit dem die OSZE verhindern konnte, daß Wähler in mehreren Wahlbüchern aufgeführt waren und so unter ihrem Namen mehrere Stimmzettel abgegeben werden konnten.

Nicht einmal die Wahlurnen aus Pappe waren wirklich schummelsicher.

Sie waren für die Wahlkomitees in unseren Wahlstationen nur Kinderspielzeug.

Innerhalb einer Minute wurden die hüfthohen Boxen mehrfach auseinandergenommen, ohne daß deutliche Zeichen dieses Manipulationsprozesses sichtbar waren. Und die Papiersiegel waren so zerbrechlich, daß sie oft schon rissen, wenn sie von der Folie abgenommen wurden. Anhand der Siegel war daher ein gezielter Betrug nicht von einer unabsichtlichen Beschädigung zu unterscheiden. Um Wahlfälschungen durch ständige Kontrollen auszuschließen, war die OSZE in Mostar mit nur 18 Teams für 124 Wahllokale ungenügend ausgerüstet.

Der oberste Wahlgerichtsausschuß in Bosnien empfahl, alle Stimmzettel neu auszuzählen. Das hätte Wochen gedauert. Doch um wirklich nachträglich Manipulationen feststellen zu können, hätte man außerdem prüfen müssen, ob keiner der 2,5 Millionen Wähler in mehr als einem Wahlbuch auftaucht. Die Provisorische Wahlkommission unter dem Vorsitz des Amerikaners Robert Frowick hielt derlei Detektivarbeit für "unpraktikabel". Daß seine Kommission die Nachprüfung auch für "unnötig" erklärte, bleibt unverständlich.