Wenn der Samstag kommt und die Nacht in das Fieber, wenn das Saturday-Night-Fieber die alte Wienerstadt schüttelt, sich der Hofrat in seinen Smoking zwängt, seinen genagelten Maßschuhen die Samstagnachtfrage stellt - "Are you ready, boots?" - und ihnen den Samstagnachtbefehl erteilt - "Start walking!" -, dann geht's in die Operette.

Letzte Samstag nacht - Wien lag in einem schweren Operettenfieber - blieb so mancher Smoking im Schrank, weil der Hofrat sich "Das Land des Lächelns" im Fernsehen anschauen mußte: eine Live-Übertragung aus der Wiener Volksoper. Nur Handverlesenes fand Einlaß zu Klaus Maria Brandauers Debüt als Operettenregisseur. In der Loge links: Graf Schulenburg, in der Loge rechts: der Kulturminister. Ein Hauch von Madame Tussauds' lag über dem Haus am Wiener Gürtel, als in der Volksoper eine neue Ära begann, die Intendanz Klaus Bachlers.

Bachler, fünf Jahre lang mit großem Aplomb Intendant der Wiener Festwochen und in einem früheren Beruf Schauspieler, beherrscht alle Tricks. In der Maske des genialen Konfektionisten zeigte er als Festwochen-Chef den Wienern, was sie schon immer sehen wollten, sich aber nicht anzuschauen trauten. Seine Festwochen-Intendanz war eine langsame Verführung, und genauso wird er wohl auch die Volksoper leiten.

Es wird nicht leicht sein, den Wienern klarzumachen, daß ein Haus, das immer ausverkauft ist, trotzdem reformiert werden muß. Viel Ärger steht ihm ins Haus, wenn in der alten Operettenbude am Gürtel demnächst Leute wie Zadek und Neuenfels, Wonder und Freyer arbeiten werden. Aber Bachler ist als Intendant ein Naturereignis, und daß er sich bis zum Jahre 2002 der Wiener Volksoper verschrieben hat, ist eine an Verantwortungslosigkeit grenzende Verschwendung: Er würde anderswo viel dringender gebraucht.

Schon der Beginn der Intendanz Bachlers wurde in Österreich zu einem Medienspektakel. Der Intendant spielte auf der Bühne der Volksoper den Talkmaster, im Gespräch mit seinen Künstlern, und das Fernsehen war live dabei. Brandauer mimte für die Kameras den besessenen Operettenregisseur, ließ in einer Kultursendung des österreichischen Fernsehens den Moderator Karasek zwei Stunden lang warten und kam dann doch nicht, um zu zeigen: Die Sache will's.

Ein Mofa ist kein Sofa und eine Operette keine Kleinigkeit. Castorf und Bachler, jeder auf seine Weise, lehren ihre Intendantenkollegen, daß eine Premiere allein heutzutage keine Meldung mehr ist daß auch die subventionierte Kunst verkauft werden muß daß zum richtigen Inhalt die richtige Verpackung gehört - und daß es längst nicht mehr genügt, nur als Künstler gut zu sein. Und so wurde auf einmal die Frage des Grafen Lichtenfels (Walter Schmidinger): "Wo ist die Zeit?!" zu einer rhetorischen Frage. In der Volksoper weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Dann war es soweit. Erst ging das Licht an in der Volksoper, dann ging das Licht aus, auch in einem übertragenen Sinn. Bachlers Chefdirigent Asher Fisch lag schon bei der Ouvertüre mit der Wiener Operettenseligkeit im Clinch, sekundiert von Bühnenbildner Hans Hoffer, der vom Salon des Grafen Lichtenfels nur einen überdimensionalen Lüster übrigließ und viel Dunkelheit: ein düsteres Europa. In dieser Wiener Nacht mußte der Dragoneroffizier Gustl (Peter Jelosits) die Grafentochter Lisa (Silvana Dussmann) treffen und sie ihren Herzsprung, Prinz Sou-Chong aus China, Johan Botha, der Statur nach ein neuer Pavarotti. Von der Heimat des Prinzen blieb eine leuchtende Wand übrig, eine chinesische Mauer voll Herzblut, vor der Lisas Liebe zu einem Ausländer scheiterte.