Würde man wohl Weltgeschichte lesen, wenn es jedem freistände, die ihn interessierenden Begebenheiten der Vorzeit mit eigenen Augen zu schauen?" Arthur Schopenhauers rhetorische Frage stutzt Wissenschaft und Schreibfertigkeit der Historiker auf ein kompensatorisches Maß zurück. Und zwar zugunsten einer möglichst ungefilterten Anschauung, die mit dem humanistischen ad fontes nicht identisch ist. Aber was heißt schon "Anschauung" bei Schopenhauer? Sie konstituiert sich als Raum in einem Kopf, der sich im Raum befindet. Und damit erweist sich auch historische Anschauung als mehrfache Brechung einer Idee der historischen Anschauung. Oder, noch einmal Schopenhauer, "als platter Realismus, der die Erscheinung für das Wesen der Welt hält".

Mit solcher Vertracktheit ist das Problem der "Kunst des Historismus in Europa", dem sich die 24. Ausstellung des Europarats widmet, noch recht simpel umschrieben. "Der Traum vom Glück", so der lustvolle Untertitel, der in die beiden Ausstellungen im Künstlerhaus und in der Akademie der Bildenden Künste lockt, verspricht zugleich zuviel und zuwenig. Denn zu einer anschaulichen Darstellung der säkularen Glücksversprechen, zu denen sich bürgerliche Ordnungen und Ideologien seit dem "pursuit of happiness" der Virginia Bill of Rights von 1776 hinreißen ließen, stößt die Ausstellung leider nicht vor. Und will andererseits aber auch mehr sein als ein bloßer Katalog der Nutzung von Geschichte im Kontext von Kunst, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft des 19. Jahrhunderts. Womit sich die Frage nach der integrierenden Dimension stellt, welche die in Wien mit Fleiß und sorgfältiger Rücksicht auf europäische Ausgewogenheit versammelten 1200 Exponate vor einer postmodernen Existenz avant la lettre bewahrt.

In Wien erscheint der Historismus zunächst als bloße Dauerinszenierung von Geschichte in den verschiedensten Haltungs- und Handlungssegmenten der europäischen Gesellschaften - vom Nationaldenkmal bis zum Geschirrschrank. Und natürlich werden die europäischen Nationen unablässig dabei ertappt, wie sie Geschichte als Identitätslieferantin inszenieren. Das Mittelalter, dem 2 der insgesamt 24 Abteilungen in beiden Häusern gewidmet sind, das aber nahezu in allen anderen Abteilungen mit weiteren Varianten und Wiederholungen aufwartet, liefert dafür die "ursprünglichen" Muster: als "gothic revival" für das England der Dynastie Hannover, das in Horace Walpoles Villa "Strawberry Hill" und mit "gothic tales" nach dem Muster des "Castle of Otranto" der madness seiner kontinentalen Könige zu entkommen oder auch zu entsprechen suchte. Dieses gotische Mittelalter überschwemmte förmlich Europa, leitete den Historismus als Stil und Methode ein, der zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Renaissance-Pose verblich.

In Deutschland ist es die Kölner Domgotik, die in Anlehnung an Goethes und Herders "Von deutscher Art und Kunst" zum Symbol für Geschichte und Zukunft der Nation zugleich wurde. Als Ruine bezeichnete der Dom die unvollendete Nation. Der Neu- und Weiterbau seit 1842 unter der Schirmherrschaft des preußischen Königshauses mutierte zum Programm für die "Erneuerung des Reiches". In Frankreich schuf die renovatio der französischen Kathedrale aus dem Geist der monumentalen Denkmalskataloge des Viollet Le Duc das Abbild der "Grande Nation", die in der Beseitigung der soeben noch überaus symbolischen Zerstörungen durch die Revolution sich selbst als Hüterin jedweder Art von Zivilisation feierte. Gleichsam hinter dem Rücken dieser Nationalgotiken entstand dabei jedoch eine internationale Neugotik, die von der Ausstellung insofern kommentiert wird, als sie ausgerechnet "Der Nibelungen Noth" mit den Handzeichnungen Schnorrs von Carolsfeld zum Beispiel für den Triumph der "Gothic Revival" erklärt. Aber auch Schnorr dient hier nur als Wiederholung des bereits Wiederholten.

Fast überall drängt sich der Eindruck auf, die Aussteller unter der Leitung des Museumsdirektors Hermann Fillitz hätten sich immer wieder von ihrem Zugang zum Thema selbst überzeugen müssen. Das Mittelalter tritt in endlosen Wiederholungen auf - als Thema für sich, in der Abteilung Architekturrezeption, im "Stilpluralismus um 1850", bei der "Buchillustration", der "Rekonstruktion der Vergangenheit", der "Katholischen Kirche zwischen Krise und Erneuerung".

Damit ist aber nur ein Teil der Mittelalter-Reminiszenzen genannt, die in manchen Abteilungen durchaus sinnvoll kombiniert sind.

So etwa, wenn es um "Monarchien und Adel im Spiegel der Geschichte" geht, wo die Plunderhaftigkeit der historistischen Zitate in Thronsälen, Salons, Boudoirs und Toilettenutensilien zwischen Gotik und Spätbarock ganz und gar zu sich selbst findet.