Herzinger gegen Herzog: der Präzeptor gegen den Präsidenten, das Ethik-Seminar gegen das Politik-Seminar, ein Apostel der Absolutheit gegen einen Protagonisten des Pragmatismus. Auf wessen Seite soll sich der unbefangene Zeitgenosse schlagen?

Ich zögere nicht einen Augenblick lang, die Haltung zu verteidigen, die Roman Herzog eingenommen hat. Die Geschichte, die Erfahrung und die praktische Vernunft sprechen für ihn. Hingegen hat sich Richard Herzinger, dessen liberalem Denkansatz ich gemeinhin applaudiere, diesmal vergaloppiert. Die Geschichte und die jüngste Erfahrung dementieren seine Kernaussage - und die praktischen, von ihm nur angedeuteten Konsequenzen seines Denkens lassen mir die Haare zu Berge stehen.

Drei Haupteinwände möchte ich vortragen: einen geschichtsphilosophischen, einen historischen, einen politischen.

Erster Einwand: Herzingers Geschichtsbild ist nicht dynamisch, sondern statisch. Dabei gerät ihm ein zentrales Charakteristikum der Menschheitsgeschichte aus dem Blick: die Ungleichzeitigkeit der menschlichen Welt und ihrer Entwicklung. Kulturen wandeln sich, doch wandeln sie sich mit verschiedener Geschwindigkeit.

Alle wandeln sich im übrigen stufenweise. Bestimmte Stufen folgen einander dabei in wiederkehrender Sequenz.

Kant lehrt uns mit seinem kategorischen Imperativ, daß die universalistische Ethik zeitlos ist die Geschichte belehrt uns, daß sie sich in allen Kulturen nur in einem langen Prozeß durchsetzt. Die Gesellschaftsphilosophen Kohlberg, Apel und Habermas unterscheiden sechs unterschiedliche Stufen des moralischen Bewußtseins, deren oberste erst durch universalistische Ideale geprägt ist. Dazu hat Vittorio Hösle richtig bemerkt, daß die Position des Universalismus "zwar die höchste, aber auch die letzte ist - und daß sie deswegen mit Kulturen zu leben hat, die sie noch nicht erreicht haben".

Für mich folgt daraus nicht, daß wir uns gegenüber den Menschenrechtsverletzungen rund um den Globus - und heutzutage vor allem in der sogenannten Dritten Welt - blind stellen sollten oder taub stellen dürften.