Der Forscherfleiß deutschsprachiger Psychologen ist nur noch mit Hilfe des Computers zu bewältigen: 1500 Beiträge meldeten sie zum Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie an, der vergangene Woche in München tagte - das machte fast ein Referat pro Kopf der 2300 Teilnehmer. Deshalb wurden die Zusammenfassungen vorab nicht gedruckt verteilt, sondern auf zwei Disketten als Datenbank verschickt. Ein Problem war damit allerdings noch nicht gelöst: Wie wählt der Besucher aus bis zu dreißig gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen die interessante aus? Das wäre glatt die 1501. Untersuchung wert gewesen.

An befremdlichen Forschungsvorhaben fehlte es nicht. Unter der Überschrift "Verteilungsgerechtigkeit" wollte da etwa ein Team zeigen, "daß bei der Verteilung positiver Ressourcen die eigene Gruppe bevorzugt wird, nicht hingegen oder nur in abgeschwächter Form bei der Verteilung negativer Ressourcen". Wer hätte das gedacht?

Die "Abteilung Dynamik und Versorgungssysteme" der Psychiatrischen Dienste der Universität Bern hat wiederum die Chaosforschung in die Nervenheilanstalt gebracht und vertritt nun die These, Psychotherapie sei ein "nichtlineares, selbstorganisierendes System mit chaotischer Dynamik". Um da ein bißchen Ordnung reinzubringen, bemühen die Wissenschaftler "Sequenzanalyse, Faktorenanalysen, Maße der Entropie".

Das klingt so zukunftsträchtig, daß sich das Thema sicher auf einem der nächsten Kongresse noch besser ausdifferenzieren läßt - wenn nämlich erst ein Superrechner in jeder Praxis steht und online ermittelt, wieviel Entropie der Therapeut gerade hervorbringt.

Die Kongreßleitung, bemüht, Struktur in das verwirrende Angebot der Themen zu bringen, hatte ein Motto gefunden, das irgendwie zu allem paßt: "Wissen und Handeln". Besonders gut paßte es zur Forschungsgruppe des Kongreßorganisators Heinz Mandl - sie heißt genauso. In seinem Eröffnungsvortrag sorgte sich der Münchner Professor um die Kluft zwischen Wissen und Handeln: Obwohl teure Kampagnen den Bundesbürgern Gesundheitsbewußtsein einhämmern sollen, rauchen sie munter weiter obwohl sie immer mehr über Umweltprobleme wissen, ändern sie ihr Verhalten kaum. Das sei doch ein Fall für die Psychologie, ermunterte Mandl seine Kollegen, da könnte sie ihren Wert beweisen.

Doch viele Psychologen tun sich schwer im praktischen Dienst für die Gesellschaft. Etwa vor Gericht. Dort treten sie meist als Gutachter auf, doch nicht wenige könnten sich gegebenenfalls auch wegen mangelhafter Leistungen als Beklagte in einem Schadenersatzprozeß einfinden. Bei einer Analyse von 245 Gutachten für Familiengerichte, in denen es meist um das Sorgerecht ging, stellte sich heraus: Nur in 67 Fällen hatten die Gutachter die Fragen des Gerichts sauber in psychologische Fragestellungen übersetzt. Nicht einmal in jedem zweiten Gutachten war klar zu ersehen, welches befragte Familienmitglied wann was gesagt hatte. Sachverständige schluderten nicht nur mit der Sprache oder wiederholten Passagen auf verschiedenen Seiten mitunter wörtlich, sie pfuschten auch bei der eigentlichen Begutachtung. "Es gibt nichts an Abstrusität, was Sie nicht finden können", empörte sich Karl Westhoff von der Technischen Universität Dresden.

Bei Prozessen um Mord und Totschlag ist die Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten häufig entscheidend. Johannes Endres von der Universität Bonn wertete sämtliche Gerichtsakten des Jahres 1993 aus zwei Bundesländern zu diesen Delikten aus. Er stellte jeweils fest, welche der 25 Merkmale erwähnt wurden, die laut Wissenschaft auf verminderte Schuldfähigkeit hindeuten - etwa ein abrupter Verlauf der Tat. Theoretisch hätte die Schlußfolgerung der Gutachter und später die der Richter davon abhängen müssen, wie viele oder welche dieser Merkmale auftauchen. Doch es gelang Endres nicht einmal mit ausgefeilten mathematischen Verfahren, hinter die Logik der Sachverständigen zu kommen. Vielleicht denken sie tatsächlich noch komplizierter, als es Endres sich vorstellen konnte - doch möglicherweise gilt einfach, was zynische Juristen schon lange glauben: Die Frage der Schuldfähigkeit ist eine Art Lotterie.