Komponisten, deren Bekanntheitsgrad nicht ihrer objektiven Bedeutung entspricht, sind zur Zeit keine Seltenheit. Das hängt mit der Verfassung der Öffentlichkeit zusammen und ist eigentlich ein soziologisches Thema.

Mit Gottfried Michael Koenig aber hat es zumindest insofern eine besondere Bewandtnis, als es zur Schließung der Informationslücke nicht hinreicht darzutun, wer er ist und was er im Laufe seines Lebens komponierte. Vielmehr gilt es, ein ganzes musikgeschichtliches Weltbild, das in den letzten Jahrzehnten unmerklich dem allgemeinen Bewußtsein abhanden kam, in die Schlüsselstellung einzusetzen, die ihm fürs Verständnis der Musik der zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts zukommt. Zentral ist dabei der unverschandelte, strenge Begriff der elektronischen Musik, dessen Formulierung einst der Erfindung der Sache selbst entsprungen war.

Hielten die Experimente, mit denen Pierre Schaeffer und Pierre Henry im "Club d'Essai" des Pariser Rundfunks schon seit den vierziger Jahren die Erzeugung einer reinen Tonbandmusik erprobten, als "musique concrète" - beruhend auf Mikrophonaufnahmen realer Geräusche und deren elektroakustischer Weiterverarbeitung - noch hörbaren Kontakt mit der empirischen Welt, so war der Schock des vollständig Unvergleichlichen, Inkommensurablen, der in den fünfziger Jahren von den ersten sozusagen "vollsynth etischen" Produktionen des Studios für elektronische Musik beim Nordwestdeutschen Rundfunk Köln, dem späteren WDR, ausging, so tief und der musikalische Paradigmenwechsel so kategorisch, daß der seinerzeitige Kritikerpapst Stuckenschmidt von einer " dritten Epoche" sprach, was damals jeder verstand und heute fast niemand mehr begreift. Gemeint war, in Äonen gedacht, daß auf die Ära der Vokalmusik und das Zeitalter der Instrumentalmusik jetzt das Weltalter der elektronischen Musik zu folgen sich anschicke.

Gottfried Michael Koenig ist der Komponist dieser Dritten Epoche par excellence. Nicht, daß in seinem Öuvre Instrumentalkompositionen numerisch zurückträten sie überwiegen im Gegenteil sogar. Auch in der instrumentalen Epoche ist ja weiterhin Vokalmusik geschrieben worden, die sich freilich am Maßstab der instrumentalen Errungenschaften maß. Ähnlich kann heute jedwede Vokal- und Instrumentalmusik, ob sich ihre Verfasser dessen bewußt sind oder nicht, die epochalen Rechtfertigungsgründe ihrer Existenz und Beschaffenheit schwerlich unter Absehung von den Kriterien des elektronisch Möglichen konstruieren.

Im Prinzip ist es nämlich möglich, jeden physikalisch denkbaren Klang aus seinen akustischen Komponenten zusammenzufügen, technisch also vermöge des Einsatzes eines geeigneten Arsenals elektronischer Schwingungsgeneratoren, jedenfalls unter zusätzlicher Zuhilfenahme von Filtern und Modulatoren, zu produzieren.

Was die Komponisten in den frühen Fünfzigern zwang, sich solchen Experimenten zuzuwenden, war primär nicht einmal die - wenngleich überwältigende - Sehnsucht nach neuen, nie zuvor gehörten Klängen, sondern nach komponierbaren Klängen an Stelle der von den existierenden Musikinstrumenten gebotenen Fertiglieferungen.