Grosnyj

Seit ich Grosnyj im August 1995 zum letzten Mal besuchte, haben russische Bomben und Raketen die Stadt in ein Niemandsland verwandelt.

Kein Stein blieb auf dem anderen. Trümmerstaub weht durch die Straßen, die verkohlte Alleebäume säumen. Streunende Hunde schleichen durch Ruinen, die Überreste verschütteter Menschen ist ihre Nahrung.

Frauen mit schwarzen Kopftüchern fegen mit Reisigbündeln die Asche von der Straße, Kinder spielen in ausgebrannten Panzern.

Noch zögern die Bewohner von Grosnyj mit dem Wiederaufbau ihrer zum zweiten Mal zerstörten Stadt: Sie trauen dem Friedenswillen der Russen nicht. "Ich glaube Alexander Lebeds Versprechungen erst, wenn der letzte Panzer Grosnyj verlassen hat", sagt Liza Akujewa. Vor dem Artilleriebeschuß hatte sie in einem Keller Zuflucht gesucht, wo sie sich zehn Tage lang von rohen Zwiebeln ernährte und ihren Durst mit Wasser stillte, das aus einer defekten Leitung tropfte. Von fünf Männern, die losgeschickt worden waren, um Essen für die Eingeschlossenen zu besorgen, kehrten nur zwei zurück.

Vor dem Krieg lebten 350 000 Menschen in Grosnyj, heute, so schätzt man, sind es nur noch 150 000. Die Stadt ist zu neunzig Prozent zerstört, ebenso wie die Ortschaften Gudermes, Samaschki, Wedeno und Bamut, die als Hochburgen der Rebellen galten. Alexander Lebed, Boris Jelzins Sicherheitsbeauftragter, sagt, der Tschetschenien-Krieg habe 80 000 Zivilisten das Leben gekostet.

Das einst blühende Land am Südosthang des Kaukasus wurde buchstäblich pulverisiert unter den Vergeltungsschlägen der russischen Armee, die von Anfang an die Lufthoheit besaß, und den tollkühnen Attacken der Bojewiki, die die Schlacht um Grosnyj gewannen, indem sie russische Panzer knackten. Der Hinweis auf Wirtschaftsinteressen - durch Tschetschenien führt eine Öl- und Gaspipeline - reicht nicht aus, um das bestialische Gemetzel zu erklären. Die Ölquellen bei Grosnyj sind erschöpft, und für die Kosten des Krieges hätte man Dutzende neuer Pipelines rund um Tschetschenien bauen können.