Alles Bumbe

Mit der Sprache hatte ich wiederholt meine Schwierigkeiten. Selbst nach vier Jahren war ich nicht in der Lage, die Landessprache, also das richtige Dresdner Sächsisch, auch nur ansatzweise zu imitieren. Einige Ausdrücke wie "Fliescher" für Flieger, Flugzeug oder natürlich auch Idiome wie "figilant" waren mir nach einiger Zeit geläufig. Auch hatte ich bald begriffen, daß das sächsische "nü" nichts anderes als eine deutliche Bejahung ist, daß eine "Berodung" eine Sitzung und daß der "Toronter" Wald nichts mit Kanada, sondern mit der nahe bei Dresden gelegenen Stadt Tharandt zu tun hat, aber so zu sprechen, wie es die Sachsen tun, das gelang mir nicht.

Entsprechend haperte es mit dem Verständnis. Wie oft war ich auf Reportagetour unterwegs, mußte Interviews auf der Straße machen, Meinungen, Stimmung einfangen, und schaute den Leuten leicht verzweifelt auf die Lippen, suchte zu erhaschen, was ihnen da an merkwürdigen Worten und Lauten aus dem Mund rollte. Oder ich saß meinem Gesprächspartner am Tisch gegenüber und versuchte zu verstehen, was er meint. Wenn ich nachfragte, wiederholten die Leute das eben Gesagte, und ich wußte erst recht nicht weiter. So schrieb ich meist einfach alles auf, in der Hoffnung, es später einordnen zu können. Auf dem Weg ins Landratsamt, wo ich einen Sachbearbeiter befragen wollte, traf ich einen Kollegen auf der Straße. "Alles Bumbe", sagt mir der, als ich ihm im Vorübergehen schnell das Ziel meines Weges nannte. Heute sei das Landratsamt geschlossen, alles "Bumbe" eben.

Ich lief trotzdem weiter, rätselte, was der wohl meinte? Ob es da am Ende eine Bombendrohung im Amt gab? Am Landratsamt angekommen, waren alle Türen verriegelt. Als ich zurückkam, erklärten mir die Sekretärinnen, heute, am Mittwoch nachmittag, seien die Ämter für den Publikumsverkehr geschlossen. "Alles Pumpe" sei ein sächsischer Ausdruck dafür, daß alle nach Hause gegangen seien und nichts mehr los sei. Ich sagte, ich hätte gedacht, da sei eine Bombe hochgegangen, und erntete schallendes Gelächter.

Ein anderes Mal stand ich mit Mathias Griebel, dem Direktor des Dresdner Stadtmuseums, vor dem alten Fährmannshaus in Loschwitz, in dem er seit langer Zeit lebt, und er erzählte mir einiges zur Geschichte des Hauses. Noch vor kurzem habe man den ganzen Dachboden ausgeräumt, da sei alles "verkeimt" gewesen. Für mich haben Keime etwas mit Kartoffeln, Zwiebeln oder Samen zu tun.

Ich hatte die Vorstellung, beim Griebel unterm Dach hätten Samen gelegen, die plötzlich gekeimt hätten, so wie Kresse oder Gras.

Zum Glück fragte ich nicht lange nach. Später wurde mir klar, daß "keimig" oder "verkeimt" nichts anderes als schmutzig, verdreckt bedeutete, jedenfalls in dem mir geläufigen Sprachgebrauch. Ich möchte nicht wissen, was ich sonst noch alles mißverstanden oder auch einfach nur nicht verstanden habe.