Kaum etwas auf dem Theater macht mehr Lärm als der Tod. Pistolen knallen, Schwerter klirren, Väter werden irre, Jungfern stürzen in den Brunnen. Wenn es ans Sterben geht, fängt das Drama an zu röcheln, und die Oper stimmt ihre schönsten, süßesten Gesänge an. Auf dem Theater ist der Tod ein Fest, manchmal auch bloß eine blöde Kirmes.

Der wirkliche Tod im wirklichen Leben ist selten ein großes Spektakel.

Kein Ende mit Theaterdonner. Meist ein Erlöschen, Erstarren, Erbleichen.

Letzter Akt, letzte Szene. Auftritt: die Stille. Keiner singt mehr, keiner schmettert, das Schweigen hat das letzte Wort.

Vier Männer im Schnee: Captain Scott (Bruno Ganz) und seine Todesgefährten, die Herren Fleming (André Wilms), Kingsley (Robert Hunger-Bühler) und Johnson (Sven Walser). Sie kommen vom Südpol zurück, als Besiegte, als Untergeher. Ihr einziger Triumph, von dem sie allerdings nicht viel haben: Ihre Niederlage wird alle auf der Welt, die Epiker und die Dramatiker, die Märchenerzähler und die Kinder, länger beschäftigen und tiefer begeistern als Amundsen, der Sieger.

Zu den unzähligen Captain-Scott-Sagas ist nun ganz unvermutet eine neue hinzugekommen: "Der Pol", eine Szene von Vladimir Nabokov, ein schmächtiges Jugendwerk aus dem Jahre 1923 - wahrscheinlich das winzigste Werk des großen Dichters. Die Berliner Schaubühne hat es nun zur Uraufführung gebracht - auf fast schon grotesk grandiose Weise.

Botho Strauß hat die "Schaubühnen-Fassung" erstellt. Klaus Michael Grüber hat auf einer monumentalen Bühne von Gilles Aillaud und in den raffiniert-kostbaren Kostümen von Dagmar Niefind inszeniert.