Kinder, Kinder! Jetzt schlägt die Stunde der Experten. Am 9. Oktober, so rasch kann es gehen, will der Rechtsausschuß des Bundestages fachkundigen Rat zur Frage hören, welche Konsequenzen denn aus dem Mord an der kleinen Natalie Astner zu ziehen seien. Parallel dazu wird der Familienausschuß über Kinderschutz in der Multimedia-Welt von morgen beraten. Und schon in der vergangenen Woche, am Donnerstag abend, debattierte der Deutsche Bundestag eine geschlagene Stunde lang das Thema Kinder und Gewalt. Anlaß war ein Antrag der Grünen: "Maßnahmen der wirksameren Verfolgung der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch Deutsche im Ausland". Schon bald ging es ums Inland.

Arme Experten! Ihre Antworten auf Fragen zu den Konsequenzen aus Sexualverbrechen an Kindern, über verlängerte Höchststrafen, Therapien und "Resozialisierung" von Triebtätern können der öffentlichen Erregung und dem Wunsch nach griffigen Mitteln zum Schutze der kleinen Opfer wohl kaum gerecht werden. Die Leserbriefspalten verraten es zur Zeit täglich: Zu weit klaffen Bestürzung und Wut hier sowie Experteneinsichten dort auseinander.

Schon zwischen Parlament und "Volkes Stimme" läßt sich derzeit kaum eine Brücke schlagen. Nur ein einziges Mal wagte sich ein Abgeordneter, Wolfgang Dehnel (CDU), in der Debatte darüber mit einer entrüsteten Zwischenfrage ans Mikrophon: Die Diskussion gehe "in die falsche Richtung". Er habe den Eindruck, so Dehnel an die Adresse von Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig, der Strafvollzug sei "viel zu liberal", wenn er daran denke, Sexualtäter auf Freigang - oder vorzeitig entlassen - könnten ohne Fesseln herumlaufen und wieder Verbrechen ausüben.

Daß die "Werte" in der Gesellschaft bedroht seien und der Zusammenhalt schwinde - diese Melodie, so vage, so altbekannt, klingt in der Politikersprache fast überall durch. Aber so einfach wie Dehnel möchte es sich kaum einer machen. Nicht einmal Claudia Nolte, Ministerin für die Jugend, griff im Bundestag auf ihren ersten Ausruf nach dem Tod Natalies zurück. Kastration! hatte sie empfohlen.

Freiwillig natürlich, und eine Chemotherapie für Triebtäter gebe es doch.

Nein, im Zweifel - und gerade in Fragen großer Erregung - ist auf das Parlament einigermaßen Verlaß. Es moderiert. So auch diesmal am Ende eines langen Routinetages im Wasserwerk. Drei Dutzend Fachleute hören zu. Sexuelle Gewalt gegen Kinder, urteilt zum Beispiel Rita Grießhaber von den Grünen, war lange Zeit ein Tabu, das die Frauenbewegung gebrochen habe. Warum, wollte sie wissen, orientiere die Politik sich nicht an den Niederlanden, wo Sexualtäter eingehend analysiert und therapiert werden. Von den sinkenden Hemmschwellen der Werbewirtschaft und den kommerzialisierten Beziehungen in der Gesellschaft überhaupt sprach sie noch.

Daß der "einfache Ruf nach dem Staat" bei allem Verständnis für härtere Strafen nicht wirklich weiterhelfe - das ist in diesem Forum fast parteiübergreifendes Allgemeingut. Stellvertretend dafür der Justizminister: Am wichtigsten sei es, dort, wo der Strafrest bei Kapitalverbrechen ausgesetzt werde, die Prognosefehler zu "minimieren". Arme Experten! Sie müßten dafür ja sorgen. Seinen Satz, für den ihn Gerhard Mauz im Spiegel heftig schilt, "ein Rückfallrisiko läßt sich prinzipiell nicht ausschließen", wiederholte Schmidt-Jortzig nicht. Was für Nolte gilt, gilt auch für ihn: Nur nicht exponieren, nach keiner Seite, nicht im Parlament! Es ist schon ein Ort der Ernüchterung. So wogt es hin und her.