Kokoschka. Da konnte der alte Max Klinger nur drei Kreuze machen: "Mit Entsetzen war ich heut' in unserem Kunstverein . . . 50 Prozent unserer Leute sind vom gleichen Fieber besessen. Und allesamt vom gleichen Formen-, Farben- und Lichtwahnsinn." Oskar Kokoschka, 1919 mit 33 Jahren zum Professor an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste ernannt, hatte diesen Wahnsinn geschürt und in kürzester Zeit hergestellt, was auch Ministerialbeamte damals nicht umhinkonnten "eine besondere Note und einen besonderen Impuls im Dresdner Kunstleben" zu nennen.

"Kokoschka und Dresden" widmen die Staatlichen Kunstsammlungen jetzt im Albertinum eine Ausstellung, die es so noch nie gab.

35 heute in der Welt verstreute Gemälde vor allem der Jahre zwischen 1916 und 1923 sind vereint, dazu 80 Zeichnungen und Aquarelle, druckgraphische Blätter und illustrierte Bücher: Kokoschkas strahlende Rückkehr an einen Ort, der 1937 nahezu alles verlor, was an reichem öffentlichem und privatem Bestand seines Werks dort existiert hatte. Wobei der Raubzug der Nationalsozialisten sich in der DDR nach 1945 nicht ersetzen ließ, wie dies in manchem westdeutschen Museum wenigstens ansatzweise geschah. Der Freigeist Kokoschka war dem Regime nicht genehm. Und spätere Schenkungen Olda Kokoschkas, seiner Witwe, galten einzelnen Enthusiasten, nicht dem Staat.

Daß die Schau nicht allein Wiedergutmachung ist, nicht nur die - auch im Katalog - beispielhaft erarbeitete Dokumentation einer interessanten, bislang eher vernachlässigten Phase im vielschichtigen Öuvre des Künstlers, sondern auch ein Triumph der Malerei über die notwendige Pflichtübung der Nachgeborenen, ist allein Kokoschka zu danken: seiner Kraft und der vehementen Arbeit an neuen Ausdrucksmitteln.

Dem "wilden Leuchten der Farbe", das Zeitgenossen damals faszinierte, wenn sie es nicht wie Klinger "scheußlich" oder wie Annette Kolb "einen Terror" nannten. Dem Aufbruch in eine neue, lapidare Kompositionsform, die heute manches Baselitz-Werk wie eine Schülerarbeit nach Kokoschka erscheinen läßt. Dem Geist einer Malerei schließlich, die sich bei allem Erneuerungswillen wie von selbst auch der Tradition abendländischer Kunst zuwandte.

Was so selbstverständlich nicht war. Kokoschkas Dresdner Kunststudenten reagierten wohl ebenso verwundert auf seine Empfehlung, jeden Tag die Alten Meister in der benachbarten Gemäldegalerie zu besuchen, wie die Ausstellungsbesucher heute, die auf des Malers unausgesprochene Vorlieben aufmerksam werden. Vermeersche Farbklänge in Rot und Gelb, rubenssche Formbewegtheit und überhaupt barocke Kompositionsprinzipien, eine für Kokoschka neue Plastizität und Tiefenwirkung - dies alles machte die Kunststadt Dresden mit ihren Sammlungen dem "Oberwildling" aus Wien zum Geschenk. Und der haderte, trotz aller Bewunderung, die ihm liberale und kunstfreudige Bürger entgegenbrachten, mit der gemächlich konservativen Elbmetropole.

Kokoschka, dem Maler, ging es mies, und dem Manne war auch nicht wohl. Immer schwermütiger werde er von Tag zu Tag, schrieb er 1919 an Freunde. Allein sei er, unfähig, "in dieser frostigen protestantischen Menge aus sich herauszugehen". Achtzehn Monate sitze er nun über demselben Bild: "Und ich trage so viel in meinem Herzen, und alles wird hier ungeboren bleiben, hier wo ich leben muß, ohne Sonne, ohne Lebenskraft und Liebeslußt . . . Ich bin ja wirklich der einzige elysische Künstler heute." Während des Ersten Weltkrieges hatte der junge Wiener Künstler, der selbstbesessene Portraitist, an der Elbe nach schwerer Kriegsverletzung Schutz gesucht. Rettung vor weiterem Militärdienst versprach der Fähnrich Kokoschka sich - zu Recht - vom Arzt eines Sanatoriums auf dem Weißen Hirsch in Loschwitz. Rettung wollte er hier auch vor seiner amour fou zu Alma Mahler finden.