Ich muß sagen, als ich vor 23 Jahren begonnen habe, Sexualstraftäter zu therapieren, habe ich mich nicht gleich an die aggressivsten Männer herangewagt. Ich habe mich erst stufenweise damit konfrontiert, daß man als Therapeut eben auch Abscheu und Angst vor den Taten der Delinquenten empfindet. Ich muß sagen, ich konnte am Anfang überhaupt nicht mit solchen Tätern arbeiten. Es gibt immer Täter, mit denen man persönlich nicht arbeiten kann. Und dann muß man diese Arbeit auch lassen.

Ich bin als Therapeut mit der Destruktivität konfrontiert. In einer forensischen Einrichtung findet sich die hundertfache Häufung sadistischer Persönlichkeitsstörungen, die in einer der üblichen psychiatrischen Anstalten zu erwarten ist. Es ist nicht immer klar, erzählt der Patient von vollzogener Grausamkeit, oder handelt es sich um Phantasien. Diese Erzählungen verfolgen einen natürlich.

Ja, es gibt das Böse. Goya hat in seinen Kriegsbildern sehr realistisch dargestellt, was alles möglich ist. Und es ist wichtig, daß man nicht die Augen davor verschließt. Im Moment gibt es eine gesellschaftliche Empörung, die meint: "Weg mit den Tätern! Wir wollen sie nicht sehen!" Das hat etwas Verleugnendes. Weil: Man kann die nicht wegschaffen.

Man muß sich mit den Tätern auseinandersetzen. Man kann sie nicht alle einsperren, denn man weiß nie, ob man den Richtigen trifft.

Und man kann sie auch nicht alle laufenlassen, sonst weiß man nicht, wen man auf der Straße trifft. Ich verstehe die Forderung der Bevölkerung, daß die Sicherheit größer werden muß. Die Sicherheit ist zu gering. Auch wenn sie, statistisch gesehen, in den letzten zehn Jahren nicht geringer geworden ist. Es geht darum, maßvoll zu reagieren.

Sollen wir jeden, der mal in Indonesien mit einer jugendlich aussehenden Prostituierten geschlafen hat, lebenslänglich einsperren, weil sich in ihm ein Pädophiler mit sadistischen Neigungen verbergen könnte? Dann würden wir, bei 40 000 angenommenen deutschen Sextouristen, sehr viele unberechtigterweise einsperren, wobei wir im übrigen gar nicht so viele Gefängnisse haben. Im Augenblick wagt doch kaum jemand mehr, einen relativ harmlosen Exhibitionisten freizulassen.

Die Rückfallhäufigkeit liegt zwischen fünfzehn Prozent zum Beispiel bei neurotisch Gestörten und etwa fünfzig Prozent bei schwer Persönlichkeitsgestörten, die schon Rückfälle hatten. Zusammengerechnet macht das etwa vierzig Prozent, die Sexualdelinquenten liegen insofern nicht so schlecht wie Häftlinge, die wegen Eigentumsdelikten im Gefängnis sind, nur stören die verständlicherweise die Bevölkerung weniger.