Äußerlich merkte man Herrn Lalli die Aufregung nicht an. Er wirkte ruhig und gefaßt, als er seine kleine Reisetasche aus seinem Fiat Tipo zog, sich den auf einen Kleiderbügel gehängten Mantel über den linken Arm warf und am Haus Gundelsheimerstraße Nummer 68 in Heilbronn klingelte. "Auf daß das Haus voll werde", sagte Frau Käfer etwas verlegen, als sie öffnete. Sie hatte schon gewartet.

Diesmal war es die Stadt Heilbronn, die die baden-württembergischen Literaturtage ausrichten durfte. Marco Lalli ist einer von zwanzig Schriftstellern, die sich aus diesem Anlaß auf ein Experiment eingelassen haben, dessen Versuchsanordnung zwar überschaubar, sein Ausgang jedoch mit Risiken behaftet war. Die Autoren durften nicht im Hotel übernachten, sondern wurden in Privatwohnungen einquartiert, deren Bewohner sie nicht kannten. Und so wußte auch Marco Lalli von Gisela Käfer vorher nur etwa so viel: "Sie ist in der CDU und ihr Mann ein Chefarzt."

Heute wissen beide etwas mehr voneinander. Daß Marco Lalli zum Beispiel zum Frühstück weder Kaffee noch Tee trinkt, sondern am liebsten Kakao und daß sein Kater zu Hause in Heidelberg Maus heißt, was eigentlich ein Schmunzeln auf dem Gesicht von Wirtin Käfer wert gewesen wäre, jedoch aus Gründen der anfänglichen Verkrampfung unterblieb. Schließlich kommt nicht jeden Tag ein Dichter ins Haus und sagt, daß er Koffein und Tein nicht verträgt, wo doch alles schon so schön gerichtet war und sogar Schokoladenplätzchen auf dem Küchentisch standen.

Ins Wohnzimmer konnte man den Gast aus einem einleuchtenden Grund nicht bitten: Dort standen bereits sieben Biertische, gedeckt mit weißem Geschirr und dazu passenden grünen Servietten. Alles gerichtet für den Abend der Abende: die Lesung aus Lallis Roman am Donnerstag abend. "Wahrscheinlich haben die schon seit Montag eingedeckt", hatte Lalli vermutet, noch bevor er sich auf den Weg zu den Käfers machte.

Die Aufregung in manchen bürgerlichen Wohnzimmern Heilbronns vor dem Eintreffen der Schriftsteller läßt sich besser verstehen, wenn man den Umweg kennt, den Goethe seinerzeit um die Stadt machte, nachdem er sie einmal gesehen hatte ("überall schmutzige Mägde").

Victor Hugo verirrte sich später noch einmal hierher ("merkwürdige Kleinstadt"), und Schiller stellte fest, "Kunstinteresse findet sich blutwenig". Die nachfolgenden Dichter müssen ähnlich abgeschreckt gewesen sein, jedenfalls ist der Aufenthalt bedeutender Schreiber in der von Weinreben umstellten Stadt seither nicht weiter aufgefallen.

Nicht einmal Kleist ("Käthchen von Heilbronn") hat sich die Stadt wirklich angeschaut. Um so hungriger waren die Bewohner jetzt.