Die sich turbomäßig deregulierende neue Dienstleistungsgesellschaft läßt keinen ungeschoren: Büroboten heißen plötzlich "Walker", und statt bei einem Arbeitgeber angestellt zu sein, sind sie bei einer Vermittlungsagentur unversichert, aber umsatzbeteiligt beschäftigt.

Dennoch sind die Betroffenen durchweg guter Dinge. Einigermaßen durchtrainiert, verdienen sie bis zu 120 Mark am Tag: "Dann müssen die Aufträge aber schon Schlag auf Schlag reinkommen", heißt es beim Berliner Kurierdienst messenger, wo einer der Walker sein Hobby - den Marathonlauf - zum Beruf gemacht hat.

Die Idee, fitmachendes Jogging mit bezahlten Botengängen zu verknüpfen, stammt nicht etwa von der privatisierten Bundespost, sondern von New Yorker Kurierunternehmen, die damit etwa die Wall Street dokumentenmäßig entsorgen. Ihre Kollegen, die Fahrradkuriere, sind zwar auf den horizontalen Strecken schneller, aber mit der steigenden Zahl von Bürohochhäusern verlieren sie den Zeitgewinn wieder auf den vertikalen. Messenger hat bereits von seinen fünf Laufkurieren einen quasi fest vermietet: an das Allianz-Gebäude in der Joachimsthaler Straße. Er verteilt dort die Post auf den Etagen und erledigt Botengänge im Haus. Demnächst will man diesen Service auch in Messehallen anbieten.

Der messenger-Walker Flory K., von Beruf Trompeter, deckt das Kuriergebiet zwischen Kurfürstendamm und Kantstraße ab. Er bekommt seine Aufträge über Funk vom Dispatcher: "Und dann jogge ich da hin. Sat.1, McKinsey, Reisebüros, Anwaltskanzleien, Architekten.

Sie sind alle höflich und nett. Ich staune immer wieder. Oft höre ich: ,Oh, Sie sind schon da, ich habe doch gerade erst angerufen.` Maximal zwanzig Minuten Zeit habe ich zur Auftragsaufnahme."

Das Komische an diesem postperipatetischen Jobbing ist laut Flory, "daß der Ort, wo ich eingesetzt bin, immer größer wird mit der Zeit: Es kommen immer mehr Ecken und Hinterhöfe dazu."

Die zunehmende Verdichtung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es auf dem Kurfürstendamm wie auch im restlichen Berlin eigentlich noch gar nicht genug Bürohochhäuser für effektives Walking gibt: "Das wird sich wohl erst mit der Potsdamer-Platz-Bebauung ändern."