Kabul, Stadtmitte: Zu Tausenden waren sie gekommen, um Nadschibullahs blutige Leiche zu begaffen. An einem Stahlseil aufgeknüpft, hing der letzte afghanische Regierungschef von Moskaus Gnaden an einem Betonmast, daneben sein Bruder, der ehemalige Sicherheitsminister, den Mund vollgestopft mit dreckigen Geldscheinen. "Tod den Feinden des Islam! Nieder mit der Korruption!" Die neuen Herren in Kabul, die Taliban, machen unmißverständlich klar, wohin die Reise geht.

Die Menge johlt. Aber viele mögen sich nicht an dem Volksfest beteiligen. Sie haben sich in den Trümmern ihrer Häuser verkrochen.

Beklommen warten sie ab.

Nach siebzehn Jahren Bürgerkrieg beginnt ein neues Kapitel in der chaotischen Geschichte Afghanistans. Sollten die Taliban ihren islamistischen Gottesstaat, neben dem sich das Ajatollah-Regime im Iran geradezu liberal ausnimmt, in diesem zentralasiatischen Land verwirklichen, wird das weitreichende Konsequenzen haben.

Denn der endlose Konflikt am Hindukusch ist ja nur in zweiter Linie ein Bürgerkrieg. Hier werden Stellvertreterkriege ausgetragen.

Es geht um Ideologien, geostrategische Positionen und vor allem um Bodenschätze. Afghanistan bietet das Entree zu den größten Öl- und Gasvorkommen der Welt. Die werden in den kaspischen Staaten Zentralasiens vermutet, in Kasachstan, Aserbajdschan und Turkmenistan.

Usbekistan ist der größte Goldproduzent der Erde, Tadschikistan verfügt über die größten Silbervorkommen. Schon im letzten Jahrhundert trugen das zaristische Rußland und England, die Kolonialmacht Südasiens, am Hindukusch ihren Wettlauf um Einfluß und Reichtum aus. An Afghanistan scheiterten beide in ihrem great game, wie zuvor noch jeder ausländische Eroberer.