Schwer zu glauben, daß hier ein Naherholungsgebiet entstehen soll. Bis jetzt ist nur ein Loch zu sehen - ein Loch, so groß, daß hier einst sechzehn Dörfer Platz hatten.Doch wenn es nach den Menschen geht, die am Rande der Grube wohnen, werden sie in zehn, fünfzehn Jahren auf einen See blicken, auf den größten See Sachsen-Anhalts und den zwölftgrößten Deutschlands: auf den Geiseltalsee. Fast 300 Jahre ist im Geiseltal, fünfzehn Kilometer südöstlich der Kreisstadt Merseburg, Braunkohle abgebaut worden. 1698 wurde das Gebiet erstmals als Lagerstätte urkundlich erwähnt - am 30. Juni 1993 wurde der Tagebau eingestellt.Weil diese Zeitspanne nicht einfach vergessen werden soll, will man trotzdem in zwei Jahren "300 Jahre Bergbau im Geiseltal" feiern. Die kleinen, übriggebliebenen Orte am Tagebaurestloch "klammern sich mit aller Konsequenz" an das Projekt Geiseltalsee, sagt Udo Wurzel.Wurzel ist Bürgermeister von Mücheln, einem kleinen Ort, dessen 7000 Einwohner bis zur Wende zum Großteil von der Braunkohle lebten.Arbeiteten bis kurz vor der Wende insgesamt rund 7000 Menschen im Bereich der Kohleförderung, so sind heute nicht einmal mehr 700 in Sanierungsgesellschaften vor allem damit beschäftigt, die alten Arbeitsplätze abzureißen und Altlas ten zu beseitigen. Auch Reinhard Hirsch hat achtzehn Jahre im Bergbau gearbeitet. Heute ist er Vorsitzender des Interessen- und Fördervereins Geiseltalsee e.V.Er spricht vom "Lebenselixier Wasser" und davon, daß es "an einem See immer irgendwie schön" sei. Wie er sehen die meisten Anwohner in dem See eine der wenigen Chancen für die ehemalige Industrieregion: Neben dem Braunkohlebergbau brachen nach der Wende auch die benachbarten riesigen Chemiearbeitgeber in Leuna und Buna weg.Zwar investieren dort der französische Mineralölkonzern Elf Aquitaine und das US-amerikanische Unternehmen Dow Chemical Milliarden, doch von den ehemals rund 50 000 Arbeitsplätzen in Leuna und Buna werden nur etwa 13 000 erhalten.Neue Industrieansiedlungen im Geiseltal?B ürgermeister Wurzel winkt ab.Obwohl man in Mücheln ein Gewerbegebiet ausgewiesen hat und den erschlossenen Quadratmeter für zwanzig Mark anbietet, ist erst die Hälfte verkauft.Und mit einer Entfernung von etwa zwanzig Kilometern liegt das Geiseltal nicht mehr im Einzugsbereich der entstehenden Raffinerien.Würde das Loch nicht geflutet, wäre dies eine "mittelprächtige Katastrophe", sagt Wurzel. Politiker und andere Besucher, die sich über den Stand der Dinge informieren möchten, nimmt er gerne erst mal mit hinab ins Loch. Um ihnen zu zeigen, über was hier eigentlich geredet wird, und damit sie sich über die Dimensionen klarwerden.Das Ergebnis ist das immer gleiche: "Da stehen sie dann und sind erst mal fünf Minuten still." Im benachbarten Restloch "Kayna Süd" wurde vor etwa zwanzig Jahren zum letzten Mal Kohle gefördert, inzwischen ist deutlich sichtbar, wie sich die Grube vom Eingriff des Menschen erholt.Der Boden des Loches ist in einer Höhe von einem knappen Meter mit Wasser bedeckt, an den Böschungen wachsen verschiedenste Sträucher. An dieser Stelle setzt auch die Kritik von Naturschützern ein, die einer Flutung mit gemischten Gefühlen entgegensehen: Denn nicht nur viele Pflanzen, sondern auch mehr als ein Dutzend Vögel, die auf der roten Liste stehen, haben sich seit dem Ende des Tagebaus in der Region angesiedelt.Eine schnelle Flutung würde ihnen diesen Lebensraum wieder nehmen, befürchtet Martin Schulze vom Kreisverband Merseburg-Querfurt des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).Zudem deuteten die zahlreichen geplanten Strände sowie die Rad- und Reitwege eher auf Naturzerstörung hin als auf Naturerhalt.Der Nabu hat deswegen ein Konzept erstellt, in dem er unter anderem für ausgedehnte Schutzgebiete plädiert sowie für ein natürliches Ansteigen des Wasserstandes. Dies würde freilich Jahrzehnte dauern, und so lange wollen die Menschen am Rand der Grube nicht warten.Der Satz, den beispielsweise Reinhard Hirsch zu hören bekommt, heißt nicht mehr: "Das wird nie was", sondern: "Wann wird's denn was?" Gestern Tagebau, heute Sanierungsgebiet, morgen Geiseltalsee - aus dem Braunkohlerevier soll Sachsen-Anhalts attraktivstes Naherholungsgebiet werden, versprechen die Sanierer, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft und die Anhaltinische Braunkohle Sanierungsgesellschaft: mit Campingzentren, Bungalow- und Feriensiedlungen, ökologischen Ruhezonen, Gestüt- und Reitstützpunkten, mit Surf-, Boot- und Segelstützpunkten sowie einer Regattastrecke - und mit Stränden, Strän den, Stränden.So sieht es jedenfalls das aktuelle Nutzungskonzept vor. Bis es soweit ist, werden noch Jahre vergehen: Bis 1998 sollen die Sicherungsarbeiten an den Böschungen abgeschlossen sein.Knapp 300 Millionen Mark wird es bis dahin insgesamt gekostet haben, um zu verhindern, daß die Häuser eines Tages in den Abgrund rutschen. Im Jahre 2001, spätestens 2002 soll mit der Flutung des Tagebaurestloches begonnen werden.Dazu wird mittels eines vierzehn Kilometer langen Stollens, der bei Naumburg beginnt, Wasser der Saale entnommen - Kostenpunkt: weitere hundert Millionen Mark.Sechs bis zehn Jahre dürfte es dauern, bis der See vollgelaufen ist.Dann wird er eine Wasserfläche von etwa neunzehn Quadratkilometern besitzen, bis zu siebzig Meter tief sein sowie maximal sieben Kilometer lang und dreieinhalb Kilometer b reit.Damit wäre er etwas größer als der oberbayerische Tegernsee. Wenn erst mal alles fertig ist, werden die Leute "zu Tausenden" kommen, glaubt Reinhard Hirsch - und sie bringen ihre Autos mit und lassen ihren Müll da?Stimmt, räumt Hirsch ein.Das mit dem Müll sei wirklich so eine Sache.Dafür müßten noch Lösungen gefunden werden.Aber schließlich wolle man ja auch "kein Disneyland, sondern eine regionale Gebietsaufwertung", sagt er."Und wenn's nur ein attraktiver Standort für den Wohnungsbau wird."Rein rechnerisch gäbe es wohl tatsächlich genügend Menschen, d ie sich anlocken ließen: Halle ist dreißig Kilometer entfernt, Leipzig fünfzig Kilometer.Eine Million Menschen wohnen im näheren Einzugsgebiet. Schließlich jedoch, sagt Hirsch, gehe es hier nicht um irgendwelchen "Zauber", sondern um ein "beinaltes Konzept".Beinälter noch als alle SED-Bezirkstagsbeschlüsse aus den Sechzigern und Arbeitsgruppen "Wasserspeicher Geiseltal" aus den Siebzigern.Hirsch verschwindet kurz aus dem Zimmer und taucht wieder auf mit einem Blatt Papier, einer Kopie aus dem Querfurter Tageblatt, das der Ortschronist ausgegraben hat: Am 22.Dezember 1928 war dort von einem Plan zu lesen, wie na ch der wirtschaftlichen Ausnutzung das Gebiet wieder zu einer landschaftlich reizvollen Gegend werden solle: "Man plant nicht mehr und weniger als eine große Seenplatte", die für spätere Generationen eine "Oase im mitteldeutschen Industr iebezirk" werden solle."Ein fröhliches Badeleben mit allem Drum und Dran, Strandbad usw., wird dort, wo heute noch die schwarzen Diamanten geschürft werden, entstehen."Die Überschrift des Artikels lautet: "Das Geiseltal in 70-80 Jahren".