Seit über anderthalb Jahrzehnten war die Nationalbank Österreichs in der währungspolitischen Praxis dem großen Nachbarn im Norden untertan. Weil Österreich seinen Schilling an die Deutsche Mark angekoppelt hat, konnten die Notenbanker in Wien meist nur nachvollziehen, was ihnen die Deutsche Bundesbank vorgegeben hat. Jetzt freut sich Klaus Liebscher, Präsident der Österreichischen Nationalbank, auf "ein Mehr an Möglichkeiten in der Zukunft", wenn seine Zentralbank in der Europäischen Währungsunion (EWU) "über eine europäische Geldpolitik mitberaten und mitentscheiden kann".

Einig sind sich Notenbank, Regierung und auch Wirtschaft und Gewerkschaften, daß Österreich zu den ersten Mitgliedern der Währungsunion gehören soll, auch wenn es seine Probleme mit den ökonomischen Einstiegshürden hat. "Für ein kleines Land wie unseres ist die monetäre Integration ein Muß", betont Notenbankchef Liebscher - zu groß sind die wirtschaftlichen Vorteile der Mitgliedschaft, und zu groß wären die Nachteile, wenn Österreich Außenseiter bliebe. Einigkeit herrscht auch, daß es beim 1. Januar 1999 als Termin für das Inkrafttreten der dritten Stufe der Währungsunion bleiben soll.

Damit geht - ähnlich wie in Deutschland - ein Riß zwischen Regierenden und Regierten durch das Land. Denn unter den Bürgern der Alpenrepublik unterstützt nur eine Minderheit den Beitritt zur Währungsunion.

"Heute liegt der Anteil der expliziten Befürworter nicht über 30 oder 35 Prozent", schätzt Liebscher. Bei solch magerer Zustimmung aber bliebe ein für die Gemeinschaftswährung notwendiges "inoffizielles Kriterium", wie es der ehemalige Chef der größten Bank des Landes und heutige Vizepräsident der österreichischen Wirtschaftskammer, René Haiden, nennt, unerfüllt: die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Im gegenwärtigen Europawahlkampf - am 13. Oktober entscheiden die österreichischen Wähler erstmals, wer sie künftig im Europaparlament vertritt - ist die Ablösung des Schilling durch den Euro aber nur ein Randthema. Mehr beschäftigt die Wahlkämpfer und die Wähler, welche Folgen ihnen die erst 21 Monate währende Mitgliedschaft in der Europäischen Union beschert hat. Seit der österreichischen Volksabstimmung im Juni 1994 über den EU-Beitritt hat es einen gravierenden Stimmungsumschwung im Wahlvolk gegeben. Hatte damals überraschend eine Zweidrittelmehrheit für die Zugehörigkeit in der EU votiert, so ist inzwischen der Kreis der EU-Sympathisanten laut Meinungsumfragen vom Sommer dieses Jahres auf 39 Prozent geschrumpft. 62 Prozent der Bürger glaubten, daß die EU-Mitgliedschaft "überwiegend Nachteile bringt". Den Stimmungsumschwung wollen sich die Europagegner, die Grünen und insbesondere die FPÖ, zunutze machen. "Wahltag ist Zahltag", verkündet eine Sprechblase des Rechtsaußen und FPÖ-Chefs Jörg Haider auf den Wahlplakaten.

Daß die Europalust einem weitverbreiteten Frust gewichen ist, hat sich die regierende große Koalition aus Sozialisten und konservativer Volkspartei zum Teil selbst zuzuschreiben. Zu groß waren die Versprechungen vor dem Referendum. Geradezu ein Europaparadies mit mehr Arbeitsplätzen, sicheren Wachstumschancen durch den neuen "offenen Riesenmarkt" und sinkenden Preisen hatten sie dem Bürger verheißen. Doch nach dem EU-Beitritt vor 21 Monaten machte sich in Österreich Krisenstimmung breit: Die Wachstumsraten in der Wirtschaft schrumpften, der private Konsum stieg nur noch langsam, die Arbeitslosigkeit - in Österreich weit unter dem europäischen Durchschnitt - wuchs nur die Inflationsrate sank. Das waren zwar Folgen der europaweiten Konjunkturflaute und nicht des Beitritts, aber auch mancher Regierungspolitiker schob den Schwarzen Peter gern Brüssel zu. Selbst positive Entwicklungen wie die höheren Investitionen aus dem Ausland wurden mit den Schlagzeilen vom "Ausverkauf" Österreichs ins Gegenteil verkehrt und der EU angelastet. Hinzu kamen die Öffnung der Grenzen nach Osten und der härtere internationale Wettbewerb, deren negative Folgen ebenfalls der Union angekreidet wurden.

Das trifft auch für den strikten Sparkurs zu, den der sozialistische Finanzminister Viktor Klima steuert. So wurde im Frühjahr ein Zwei-Jahres-Sparpaket von knapp 15 Milliarden Mark beschlossen, wodurch das Staatsdefizit 1997 auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzt und damit das Maastricht-Kriterium gerade noch erreicht werden soll. "Die Leute haben das Gefühl, das Sparpaket sei wegen der EU gekommen, was absolut nicht stimmt", sagt Helmut Kramer, Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, "wir hätten das auch machen müssen, wenn wir keine Maastricht-Verpflichtung hätten." Gleichwohl sieht Kramer Gefahren für die Beschäftigung, "wenn alle in der EU im Gleichschritt, zur gleichen Zeit und im gleichen Umfang Sparpakete durchsetzen müssen". Er fürchtet, daß der Konvergenzprozeß "dauerhafte Schäden in der Beschäftigung Europas anrichtet".