Man soll nicht Geschichte mit Politik verwechseln. Besonders nicht die der Erdteile, welche ja sowieso keine naturbedingten geographischen Einheiten bilden, wie etwa Gebirge oder Strombecken, sondern nur von Menschen so benannte Teile der Oberfläche des Globus. Aber eben das tut der schreibende Teil der Menschheit systematisch - heute mehr denn je. Dennoch war schon in der Antike klar, daß der Unterschied zwischen den so benannten Teilen der Landmasse mehr als rein geographisch war. Und das ist noch heute so.

Europa existiert ausschließlich als konstruierter Begriff. Sogar die kartographische Definition der alten Schulatlanten, eine Linie, die quer durch einen europäischen Staat lief und läuft - Uralgebirge, Uralfluß, Kaspisches Meer und Kaukasus -, ist künstlich und beruht auf einer politischen Entscheidung. Der polnische Historiker Bronislaw Geremek hat uns kürzlich daran erinnert, daß die Bezeichnung des Uralgebirges als Grenze Europas durch Wassilij Tatischtschew im 18. Jahrhundert bewußt mit dem "Stereotyp" brach, "demzufolge der Moskauer Staat und seine Erben zu Asien gehörten. Es bedurfte also des Entschlusses eines Geographen und Historikers und der Annahme einer Konvention." Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, daß die ursprüngliche Grenze zwischen Hellenen und den von Hellenen als solchen definierten Barbaren nördlich des Schwarzen Meeres lief. Südrußland gehört schon viel länger zu Europa als manche Gebiete, die wir heute ohne weiteres dazuzählen, über deren Zugehörigkeit aber die Geographen noch im späten 19. Jahrhundert uneinig waren - zum Beispiel Island und Spitzbergen.

Dennoch: Ein Europa existiert, seitdem die alten Griechen ihm einen Namen gaben. Nur ist es ein teilbarer und dehnbarer Begriff geographisch vielleicht nicht ganz so dehnbar wie "Mitteleuropa", das klassische Beispiel der als Geographie verkleideten politischen Programme, das auf gewissen Landkarten fast ganz Europa mit Ausnahme der iberischen Halbinsel umfaßt. Die Dehnbarkeit des Begriffes Europa ist weniger geographisch - alle Atlanten akzeptieren praktisch die Uralgrenze - als politisch und ideologisch. "Heute", schreibt der amerikanische Historiker John R. Gillis, "ändert sich die politische und wirtschaftliche Geographie Europas, und das einst hauptsächlich westeuropäische Feld ,europäische Geschichte` . . .

muß sich auf Mittel- und Osteuropa ausdehnen."

Es ist wohl kein Zufall, daß die kleineuropäische Ideologie (von Paneuropa durch Goebbels bis zur Wirtschaftsgemeinschaft), die auf dem bewußten Ausschluß eines Teiles des geographischen Kontinents fußt, sich gern auf Karl den Großen beruft. Karl beherrschte den einzigen Teil des Kontinents, der - wenigstens seit dem Aufstieg des Islam - nicht von Eroberern erreicht wurde. Er konnte sich daher als "Vorhut und Retter des Abendlandes" gegen das Morgenland betrachten. Er war auch selbst Eroberer, der die Grenzen gegen Sarazenen und Barbaren vorschob, der also, um bei der späteren Sprache des Kalten Krieges zu bleiben, vom Containment zum Rollback überging. Allerdings war damals der Terminus "Europa" belanglos außerhalb eines kleinen Kreises klassisch gebildeter Geistlicher.

Die erste wahre Gegenoffensive des Westens gegen Sarazenen und Barbaren stand nicht im Zeichen des regni Europaeae der karolingischen Lobredner, sondern im Zeichen des (römischen) Christentums. Und noch im 16. Jahrhundert, als die wahre Eroberung des Globus durch Europäer einsetzte, bleibt die kreuzfahrende Ideologie der Reconquista noch in der Ideologie der Konquistadoren der Neuen Welt erkenntlich.

Im Osten allerdings konnten es die Europäer erst seit Ende des 17. Jahrhunderts mit den Reichen Asiens aufnehmen die Bekehrung zum wahren Glauben blieb hinter der doppelten Buchführung zurück.