Gleich nach den Präsidentenwahlen fuhr ich nach Rußland. Mit Bochumer und russischen Kollegen hatten wir an der Moskauer Humanwissenschaftlichen Universität ein Institut für Europäische Kulturen gegründet. Jetzt galt es, dort die ersten russischen Studenten und Dozenten für die im September beginnenden Vorlesungen auszuwählen.

Meine Hoffnung auf eine "neue Demokratie" erwies sich als naiv, die Erwartung eines politischen Neuansatzes als trügerisch. Der kranke Jelzin, Tschernomyrdins gespanntes Verhältnis zu Lebed , die Verteilung der neuen politischen Ämter: das alles beschäftigt die Linke nicht über Gebühr. Die Gelassenheit der Russen - "posmotrim", "man wird sehen" - ist verblüffend wie immer. Aber Glasnost, das Schlagwort der Perestrojka, ist heute unbekannt. Was treibt der Präsident? Wie steht es um seine Gesundheit? Je weniger man weiß, desto vielfältiger und widersprüchlicher die Deutungen.

Was schale Gegenwart nicht hergibt, macht glorreiche Vergangenheit wett: 1696 hatte der junge Zar Peter unter Einsatz seiner neuen Flotte den Türken Asow abgenommen. In tagelangen Festlichkeiten wurde im Sommer das dreihundertjährige Bestehen der russischen Flotte gefeiert. Vom nördlichen Murmansk und östlichen Wladiwostok über Kronstadt bei Sankt Petersburg bis zu Wolgograd und dem südlichen Astrachan am Kaspischen Meer fand sich die Nation zumindest durch ihre vier Flotten geeint. Daß der Großteil der Kriegsschiffe, darunter Atom-U-Boote, in den russischen Häfen verrosten, tut der Erinnerung an den Ruhm der einst glänzenden Flotte keinen Abbruch. Rußlands Seekriege gegen die Türken und die Schweden, ja gegen die Flotte Napoleons, leben in der kollektiven Erinnerung auf.

Rußland, das mit den Wahlen die Rückkehr in die unmittelbare Vergangenheit des Kommunismus verworfen hat, findet wie selbstverständlich sein historisches Gedächtnis zurück. Doch die Spontaneität, mit der Jelzin nach dem Wahlsieg die bereits mehrmals totgesagte Intelligenz des Landes aufforderte, nun auch eine der neuen Epoche entsprechende "nationale Ideologie" zu erdenken, erfuhr durch einen seiner nächsten und klügsten Berater eine kühle Dusche. Georgij Satarow stellte richtig, daß es Jelzin keineswegs um eine allgemeinverbindliche Staatsideologie gehe, was laut Verfassung sowieso verboten sei, sondern um ein universales Wertesystem, das alle Menschen in Rußland vereinen solle.

Satarow eröffnete auch das unter der Schirmherrschaft des Europarats stehende Seminar der Moskauer Schule für politische Studien in Golitsyno. Der vierzig Kilometer lange Weg zu dem vormaligen Landsitz der Fürsten Golitsyn führt westlich von Moskau auf der Straße nach Borodino am berühmten Podmoskowje vorbei. In den dichten Wäldern um die Hauptstadt hatte sich schon die stalinistische Nomenklatura fern der Augen Unbefugter ihre Datschen hinter dichten Mauern errichtet. Heute sitzt die neue Nomenklatura hier. Ungestört siedeln sich neben der politischen Elite auch die "neuen Russen", bisnismeni und bankiri, an. Das demokratische neue Rußland kennt keine Klassen mehr. Auf den Straßen bieten Agenturen Grundstücke und Baugewerbe Fertigbauten an. Verglichen mit dem ehemaligen Landsitz Mikojans nimmt sich die Datscha des unlängst entlassenen Verteidigungsministers Pawel Gratschow nicht einmal besonders üppig aus. Doch sie soll mehr als eine Million Dollar gekostet haben - während junge Soldaten in ihren Garnisonen hungern, zuweilen sogar verhungern.

Im Seminar von Golitsyno trifft sich nicht die traditionelle Intelligenz, sondern die politische Elite des Landes. Jelzins Wahlsieg ist ihr Sieg. Der triumphierende Ton der Eröffnungsreden ist unüberhörbar.

Die ersten normalen Wahlen in Rußland! Die endgültige Abrechnung mit dem alten System! Kaum einer der Teilnehmer ist über dreißig - doch alle haben sie bereits wichtige Ämter inne, sind Abgeordnete in der Duma oder höhere Verwaltungsbeamte in den Regionen. Sie sind selbstsicher und haben keine Scheu vor dem Ausländer, auch wenn sie seine Sprache nicht sprechen. Viele Frauen sind dabei.