Den Haag - Louise Arbour muß eine selbstbewußte Frau sein. Die Stellenausschreibung für den Posten des Chefanklägers der beiden UN-Kriegsverbrechertribunale, den sie am 1. Oktober übernommen hat, hätte etwa so lauten können:

"Behördenchef/in gesucht! Wissenschaftliche Ausbildung und langjährige Erfahrung in der Kriminalistik ein Muß. Kenntnisse im internationalen Strafrecht (u. a. Völkermord) sind Voraussetzung; Fähigkeit zu kreativer Rechtsfortbildung erwünscht. Zusätzliche Anforderungen: Dynamische Führung einer überlasteten und unterfinanzierten Institution (Amtssprachen: Französisch & Englisch); Bereitschaft zu Reisen in Krisengebiete, Ortsterminen an Massengräbern, Vernehmung traumatisierter Zeugen; Hartnäckigkeit bei Verhandlungen mit lokalen und internationalen Größen (zivil/militärisch); Charme, Eloquenz und Geduld im Umgang mit Öffentlichkeit und Medien. P. S.: Belastbarkeit ein Plus."

The Honorable Madam Justice Arbour lacht herzlich, als sie gefragt wird, warum sie mit 49 Jahren ihr bequemes Amt als Richterin in Kanada für eine so anstrengende Aufgabe aufgegeben habe. "Unvorstellbar, daß ich sie abgelehnt hätte!" Und sie breitet beschwörend ihre Hände aus. "Mit diesem Tribunal wird ein Vorbild dafür geschaffen, wie dereinst eine funktionierende und gerechte internationale Strafjustiz im Dienst des Friedens aussehen könnte. Das ist die größte Herausforderung meines Lebens."

Die perfekt zweisprachige Frankokanadierin hat sich viel vorgenommen für ein Amt, dessen vorheriger Inhaber, der Südafrikaner Richard Goldstone, inzwischen als möglicher Nachfolger des UN-Generalsekretärs Butros Butros-Ghali gehandelt wird. An Energie mangelt es der zierlichen Frau jedenfalls nicht: Sie gilt in ihrer Heimat als linksliberale, fachlich hochqualifizierte Juristin, die jede Etappe ihrer steilen Karriere mit Bravour gemeistert hat.

Von 1974 bis 1987 war sie eine angesehene und bei ihren Studenten beliebte Professorin für Strafrecht an der Universität York. Marilyn Pilkington, Dekanin der juristischen Fakultät, beschreibt sie als kluge Kollegin mit Sinn für soziale Gerechtigkeit und sicherem Gespür für faire Konfliktlösungen. Ihre intellektuelle Integrität bewies Arbour bei einem in der Öffentlichkeit heftig umstrittenen Prozeß über die Verfassungsmäßigkeit eines Gesetzes, das die Rechte von Sexualverbrechern im Strafverfahren zugunsten des Opferschutzes einschränkte. Die engagierte Feministin verfocht als Vizepräsidentin der Canadian Civil Liberties Association vor Gericht den Standpunkt, daß damit die Grundrechte der Angeklagten verletzt würden. "Sie bleibt ihren Überzeugungen auch unter Druck treu", sagt Pilkington. Mit ihrem eindrucksvollen Auftritt erreichte Arbour die Korrektur des Gesetzes - und ihre Berufung als Richterin. Sie wurde 1987 zur erstinstanzlichen Richterin in Strafsachen ernannt, stieg aber schon 1990 zum Appellationsgericht der größten kanadischen Provinz auf. Spätestens in diesem Frühjahr hat ihr kritischer, aber fairer und konstruktiver Untersuchungsbericht über das kanadische Strafvollzugssystem sie zu einer landesweit bekannten Persönlichkeit gemacht.

Eine Qualität, die selten in Stellenanzeigen genannt wird, dürfte Louise Arbour in ihrer neuen Rolle sehr zugute kommen: gelassene Ironie - auch gegenüber der eigenen Tätigkeit. Einem kanadischen Reporter bekannte sie, daß ihre Arbeit bei Gericht sie oft an die rigide Klosterschule in Québec erinnere, wo sie Ende der Sechziger die Anführerin der Rebellen war: überall Leute in strengen schwarzweißen Uniformen, "fast alle Angehörige eines einzigen Geschlechts, die im wesentlichen über Sprechgesang und Rituale kommunizieren!"