Wer sich der Stadt von der Autobahn her nähert, sieht den Namen schon von weitem: BURDA. Meterhoch sind die Buchstaben auf dem Dach des alles überragenden Hochhauses. Wie ein Stadttor thront es am Ortseingang und führt dem Besucher sinnbildlich vor Augen: Um Burda kommt man in Offenburg nicht herum.

"Burda ist der größte Arbeitgeber am Ort und hat bislang auch die höchsten Löhne gezahlt", berichtet Franz-Xaver Faißt, Sekretär der IG Medien im Bezirk Südbaden. "Der Senator", wie Firmenpatriarch Franz Burda hier seit jeher genannt wird, sei ein "sehr großzügiger" Chef gewesen, zu dem "der einzelne Drucker noch ins Büro kommen konnte", wenn ihn etwas bedrückte. Der soziale Geist, die familiäre Atmosphäre hätten die Belegschaft über die Jahre nur leider "gewerkschaftsresistent" gemacht, stellt Faißt mit einigem Bedauern fest. Oder wie es der Betriebsratsvorsitzende Helmar Kaufmann formuliert: "Wir in Offenburg sind schon immer einen eigenen Burda-Weg gegangen. Das hat sich am Ende für unsere Mitarbeiter immer gelohnt."

Das gelte auch für die jüngste Etappe auf diesem Burda-Weg eine Betriebsvereinbarung, an der er besonders hervorhebt, daß sie 400 Arbeitsplätze erhalte. Die IG Medien sieht in der Übereinkunft jedoch einen "klaren Bruch" von Tarifvertrag und Betriebsverfassungsrecht. Kaufmanns Stellvertreter Dieter Näger bestreitet die Vorwürfe nicht: "Klar, wir haben gegen das Tarifrecht verstoßen, aber wir konnten nicht anders."

Am 16. Februar dieses Jahres setzte Gerd Spraul, Geschäftsführer der Burda Druck GmbH, bei der etwa 1150 der insgesamt 2300 Offenburger Mitarbeiter beschäftigt sind, der Belegschaft gewissermaßen das Messer an die Brust. Der Betrieb in Darmstadt mit rund 600 Beschäftigten werde geschlossen, schrieb Spraul in einem offenen Brief. Der Tiefdruckmarkt sei "zu einem der umkämpftesten Märkte Deutschlands" geworden: "Überkapazitäten, Preisverfall, überzogene Lohnnebenkosten und anachronistische Tarifverträge haben die Ertragslage dramatisch verschlechtert." Auch in Offenburg könnten Entlassungen nur vermieden werden, "wenn umfassende Kostensenkungen realisiert werden".

Keine zwei Wochen später, am 29. Februar, unterzeichneten Spraul und Kaufmann sowie der stellvertretende Burda-Vorstandsvorsitzende Jürgen Todenhöfer eine Betriebsvereinbarung, in der "die massivsten Einkommenseinschnitte und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen" enthalten seien, "die wir im Tiefdruck bislang hinnehmen mußten", heißt es in einem offenen Brief aller "Betriebsräte der deutschen Tiefdruckbetriebe" an ihre Offenburger Kollegen.

Wichtigster Punkt: Die wöchentliche Arbeitszeit wird von 35 auf 39 Stunden erhöht, davon zwei Stunden unbezahlt. Außerdem werden alle übertariflichen und festen Zulagen in drei Schritten bis Mitte 1998 gestrichen; Pausen werden nicht mehr bezahlt, die Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit sowie für Überstunden im Schnitt halbiert, der Jahresurlaub wird auf sechs Wochen begrenzt. Und die Druckmaschinen sollen künftig nur noch mit drei statt, wie tariflich vorgeschrieben, mit vier Facharbeitern besetzt sein. Bis zu 10 000 Mark an Einbußen pro Jahr könne allein die Kürzung der Zulagen einem Drucker eintragen, hat IG-Medien-Sekretär Faißt errechnet. Und sinkt durch die Erhöhung der regulären Wochenarbeitszeit auch noch der Umfang der Überstunden, werde der Lohn weiter reduziert.