Als Stephan Hermlin nach den Ursachen für den Zusammenbruch des Kommunismus gefragt wurde, antwortete er:

". . . ich glaube, die wesentliche war die Absage an die Wahrheit. Der Kommunismus bediente sich einer Strategie, die auf Lüge und Selbstbetrug aufgebaut war [. . .] diese Leute logen, weil das gegenseitige Belügen zu einem Grundsatz des Systems geworden war." (Wochenpost vom 10. September 1992)

Wäre es denkbar, daß der Schriftsteller Hermlin, geboren 1915 unter dem Namen Rudolf Leder, langjähriger Gesprächspartner Honeckers, Mitglied der DDR-Akademie der Künste wie der Westberliner Akademie der Künste und der neuen Berlin-Brandenburgischen Akademie, Vizepräsident des Internationalen PEN, hier das Gesetz seiner eigenen Existenz formuliert hat, daß ein Großteil seines autobiographischen Werks, seine Erzählungen und seine Bilanzschrift "Abendlicht" die Inszenierung einer großangelegten Lebenslüge sind?'

In seinem 1979 erschienenen "Abendlicht", das immer auch als Hermlins Autobiographie gelesen wurde, und zahlreichen erzählenden Texten hat der Dichter seine Herkunft, das großbürgerliche Milieu seines Elternhauses, immer wieder mit Wärme, Hingabe und stilistischem Glanz beschrieben. Den Namen seines Vaters nennt er nicht.

Er hieß David Leder (andere Namensform: Leider) und wurde am 23. Oktober 1888 in Jassy, Rumänien, geboren. Schon 1889 zog die Familie Leder in die sächsische Industriestadt Chemnitz - David Leders Vater Leon, Hermlins Großvater, war nach der Erinnerung seiner Enkelin Ruth zunächst Hausierer und arbeitete sich allmählich zum Kaufmann hoch. Ein Aufstieg aus dem Kleinst- oder Kleinbürgertum ins Chemnitzer Bürgertum binnen einer Generation.

Im Juli 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, heiratete David Leder. Wen? Eine schöne Engländerin: ". . . sie hatte das rotblonde Haar, den durchsichtigen Teint ihrer Heimat", heißt es im "Abendlicht".