Zwei Rekorde, die nicht zusammenpassen wollen: Einerseits erklimmt der Deutsche Aktienindex (Dax) einen Höchststand nach dem anderen. Andererseits bauen die Unternehmen unvermindert Personal ab trotz besserer Konjunktur. Im kommenden Winter dürften wieder weit mehr als vier Millionen Erwerbswillige stempeln gehen - und sich wundern, wenn sie die Börsennachrichten lesen. Ähnlich ausdauernd und ähnlich dramatisch haben sich Aktienkurse und Arbeitslosenzahlen in der Bundesrepublik noch nie parallel entwickelt. Ökonomie paradox.

Seit 1991 sind aus 2,6 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt über 3,6 Millionen geworden. In der gleichen Zeit haben die Anleger den Dax von rund 1500 auf mehr als 2600 Punkte nach oben geschraubt. Der Dritte im Bunde, der Staat, muß zwar für die soziale Krise aufkommen, ohne aber am wachsenden Reichtum der Kapitalbesitzer wesentlich teilzuhaben: So kommen die öffentlichen Haushalte insgesamt - allem Sparen zum Trotz - nicht unter ein jährliches Defizit von hundert Milliarden Mark, während die Deutsche Bank trotz steigender Gewinne weniger an den Fiskus abführt als früher. Und die Volksbanken beschweren sich darüber, daß sie bei gleichem Geschäftsvolumen fünfmal soviel Ertrags- und Gewinnsteuern zahlen wie die drei größten Privatbanken in Deutschland zusammen.

Beim einzelnen Unternehmen ist die Entwicklung plausibel: Produziert es mehr mit weniger Mitarbeitern, steigt die Gewinnerwartung und damit auch der Wert des Unternehmens für die Aktionäre. Schwerer zu verstehen ist der Trend schon auf volkswirtschaftlicher Ebene. Auf längere Frist gesehen, sind die Firmen darauf angewiesen, daß möglichst viele Konsumenten in Lohn und Brot stehen, um ihre Produkte überhaupt kaufen zu können.

Anscheinend sind aber nicht mehr alle Beteiligten an einer schnell wachsenden Volkswirtschaft interessiert. Aktienbesitzern geht es derzeit besonders gut, während sich die Ökonomie insgesamt nur ganz langsam nach oben entwickelt. Zu ihren Gunsten zwingt der Druck von den internationalen Finanzmärkten die deutschen Unternehmen, möglichst effizient zu arbeiten - und das heißt, mit weniger Mitarbeitern auszukommen. Arbeitslosigkeit wird den Aktionären dagegen nur gefährlich, wenn sie zu höheren Steuern und sozialen Unruhen führt. Weit mehr Angst haben sie vor Inflation, weil dann üblicherweise die Zinsen steigen. Dann werden Kredite teurer, und die Gewinne drohen dadurch zu schrumpfen; zudem verkaufen Anleger Aktien, um ihr Kapital in die attraktiver gewordenen festverzinslichen Wertpapiere zu investieren - und treiben damit die Börsenkurse nach unten.

Nirgends wird diese Haltung deutlicher als an der Wall Street: Die Börsianer dort fürchten, daß die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten weiter sinkt und sich die Wirtschaft damit überhitzt. Weil die dann fälligen Zinssteigerungen ihr Aktienvermögen schmälern würden, reagieren die Anleger auf entsprechende Anzeichen stets wie der Teufel aufs Weihwasser.

Die Deutschen sind allerdings von einer Überhitzung des Arbeitsmarktes weiter entfernt denn je. Da könnte man auf die Idee kommen, daß die Wiedervereinigung an der verwirrenden Parallelentwicklung schuld hat. Schließlich hat Ostdeutschland den Westfirmen einen einmaligen Nachfrageboom beschert, der aber noch bei weitem übertroffen wurde von der Zahl der arbeitsuchenden Erwerbstätigen aus dem Osten.