Wie schwer ist es, etwas Neues zu schaffen, und wie leicht, etwas zu zerstören: Binnen weniger Stunden wurde am Tempelberg in Jerusalem ein fragiles Netz von Beziehungen zerrissen, das sich nach hundertjähriger Feindschaft zwischen den Palästinensern und Israelis anzuspinnen begann. Was waren die treibenden Kräfte hinter diesen Beziehungen? Höchst abstrakte Dinge - viel guter Wille auf beiden Seiten, Kriegsmüdigkeit und vor allem die Reife und Weitsicht einiger überragender Politiker, denen es in fortgeschrittenem Alter gelang, über ihre Ängste und psychologischen Hemmungen hinauszuwachsen.

In den letzten Jahren bekamen die Menschen im Nahen Osten einen Vorgeschmack von dem, was ein echter Friede zwischen Israel und seinen Nachbarn sein könnte. Ich meine nur Frieden, keine Liebe zwischen den Nationen. Gibt es überhaupt Liebe zwischen Nationen? Worauf es ankam, war die Änderung der seelischen und gedanklichen Strukturen. Plötzlich stellten viele Palästinenser und Israelis zu ihrer Überraschung fest, daß man nur den Panzer aus Schablonen abzulegen braucht, um in dem Feind von gestern den Menschen zu sehen, einen Menschen wie du und ich; um zu entdecken, daß man ihn nur zu respektieren braucht, damit er dieses Respekts würdig wird.

Das mag banal klingen, doch die jüngsten Ereignisse, die gewaltsamen Auseinandersetzungen nach der Öffnung des Tunnels unter dem Tempelberg zeigen uns, wie sehr wir alle noch von diesen Schablonen geprägt sind und in welchem Maße die Sprache der Gewalt immer noch unsere Muttersprache ist. Der zögernde Anfang der Friedensära lehrte uns, daß Menschen - und auch Völker - sich dafür entscheiden können, einer erstarrten Weltanschauung und engstirnigen Auslegung der Geschichte den Rücken zu kehren und ihr Leben so zu gestalten, daß es nicht nur von der schroffen mentalen Unterscheidung zwischen Opfern und Eroberern bestimmt wird.

Die drei Jahre seit der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens verschafften Israelis wie Palästinensern ein bisher kaum je erlebtes Gefühl der Freiheit und einer allmählich beginnenden Genesung; da und dort wurden erste wirtschaftliche, kulturelle und sogar militärische Beziehungen geknüpft. Die Zusammenarbeit wurde Teil der täglichen Routine. Es entstanden Institutionen, die mit viel Klugheit und Einfühlungsvermögen Hindernisse ausräumten, die dem Frieden im Wege standen. Ja, es wurden auch, was nicht weniger wichtig ist, auf der persönlichen Ebene freundschaftliche Beziehungen geknüpft. Nur ein kleines Beispiel: Als im Februar dieses Jahres Dutzende Israelis durch Selbstmordanschläge von Hamas-Mitgliedern getötet wurden, rief mich ein palästinensischer Freund aus Ramallah an und erbot sich, Blut für die Verwundeten zu spenden.

Zuwenig? Gewiß! Wenige wagten es, wirklich vom Frieden zu träumen. Doch das heißt noch nicht, daß er eine Illusion ist. Viele große Leistungen der Menschheit begannen mit dem Traum eines Menschen oder einer kleinen Gruppe. So entstanden auch der Zionismus und der Staat Israel. Träume sind im Nahen Osten etwas sehr Konkretes, doch warum, zum Teufel, finden auch Zerstörungswut und religiöser Fanatismus hier immer wieder einen fruchtbaren Nährboden?

Ich will die Lage der Region seit dem Oslo-Abkommen durchaus nicht beschönigen; der Friedensprozeß als Ganzer war mühsam, bitter und mit Blutvergießen erkauft. Die meisten Israelis und auch die meisten Palästinenser wußten noch nicht, was es bedeutet, über sich selbst hinauszuwachsen und der Hoffnung eine Chance zu geben. Im Gegenteil: Gerade die Verzichtsleistungen, zu denen beide Seiten gezwungen wurden, steigerten bei vielen die Ängste und Befürchtungen, vom Gegner hintergangen zu werden, und trieben sie noch näher an die Schwelle des Abgrunds.