Hans W. war ein Einzelgänger. So selten wie möglich verließ der Informatiker in einem großen Chemieunternehmen seinen Computer, auf Firmenkonferenzen hielt er sich abseits und verdrückte sich, wann immer möglich. Traf er auf eine sympathische Frau, fühlte er sich dermaßen eingeschüchtert, daß er keinen klaren Satz formulieren konnte. Doch das größte Grauen befiel Hans W. bei dem Gedanken, eine Rede halten zu müssen. Seit seiner mündlichen Abiturprüfung bewältigte er derartige Situationen nur noch mit Hilfe von Beruhigungsmitteln. Als der Informatiker schließlich auf eine Stelle im Außendienst befördert wurde und von nun an permanent mit Kunden sprechen mußte, häuften sich die Angstattacken.

Wissenschaftler bezeichnen solche Verhaltensstörungen als soziale Phobie. In Deutschland leiden schätzungsweise mehr als zwei Millionen Menschen unter der Angst vor dem menschlichen Gegenüber. "Soziale Phobie - Krankheit der neunziger Jahre?" mutmaßt die Hoffmann-La Roche AG, und es überrascht wenig, daß der Schweizer Pharmamulti bald ein Medikament gegen das Leiden auf den deutschen Markt bringen will.

Doch auch ohne Psychopillen könne den Angstpatienten geholfen werden, sagt Jürgen Margraf, Psychologe an der TU Dresden. Achtzig Prozent aller sozialen Phobiker würden geheilt oder spürten zumindest deutliche Besserung, wenn sie an einer Verhaltenstherapie teilnähmen. Die aber nimmt nur ein verschwindend geringer Teil der Patienten in Anspruch: Nur jeder vierte Angstkranke begibt sich überhaupt in irgendeine Behandlung, ergab vor kurzem eine Studie Markgrafs. Die Patienten führen ein Dasein im Schatten. Sie vermeiden möglichst jegliche Situation, in der sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich ziehen könnten. Die Kranken verkümmern im Privatleben wie im Beruf. So seien soziale Phobiker dreimal häufiger arbeitslos als gesunde Menschen, erklärt Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Auffällig häufig lebten sie ohne Partner und blieben unverheiratet.

Zu der Angst, im Mittelpunkt zu stehen, gesellen sich häufig weitere Seelenstörungen, die eine genaue Diagnose erschweren. Soziale Phobiker versinken oftmals in Depressionen, entwickeln Platzangst oder sind alkoholkrank. Das Selbstmordrisiko ist bei ihnen etwa sechsmal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Diese Komorbidität - das gemeinsame Auftreten der sozialen Phobie mit anderen Störungen - ist den Experten zwar bekannt, doch sie erschwert es in der Praxis, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten.

Und viele Hausärzte - üblicherweise die erste Anlaufstelle der Angstpatienten - sind über die Chancen einer Verhaltenstherapie nur unzureichend informiert. Doch selbst für die wenigen Patienten, die schließlich in die Behandlung einwilligen, fehlen Therapieplätze. Wartezeiten bis zu einem halben Jahr sind die Regel. In der Behandlung trainieren die sozialen Phobiker die gefürchtete Interaktion mit anderen Menschen. So sollen sie ihre soziale Kompetenz verbessern und ihr Selbstbewußtsein stärken - die phobische Angst vor der Blamage läßt nach. Der Patient lernt, angstauslösende Gedanken frühzeitig zu erkennen: Warum glaube ich, daß ein kleines Malheur mich in den Augen anderer Menschen disqualifiziert? Warum messe ich meinerseits den alltäglichen Mißgeschicken meiner Mitmenschen weniger Bedeutung bei? Wenn der soziale Phobiker seinen Hang zu negativen Schlußfolgerungen kennt, wird es möglich, die überzogenen Befürchtungen schrittweise abzubauen, hoffen die Therapeuten.

Der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche will dagegen der Angst der Patienten mit Medikamenten zu Leibe rücken. Anfang nächsten Jahres soll das erste offiziell zugelassene Mittel gegen soziale Phobie auf den Markt kommen. Das Präparat Aurorix ist bereits seit 1990 als Antidepressivum im Einsatz. Nun glaubt die Schweizer Firma, in mehreren klinischen Studien gezeigt zu haben, daß das Medikament auch die soziale Phobie überwinden hilft.