Aus dem Profangetümmel der Trimm-dich-Waldläufer, "Beautiful!"-Ausflüglerinnen und Holzfäller hebt sich der Typus des Naturmystikers hervor, der allerdings dasselbe Problem hat wie alle Touris, nämlich irgendwo zwischen Ausflugsziel und Waldparkplatz noch ein Eckchen undurchkreuztes Naturschutzgebiet und Ferienparadies zu finden, um alldort outfitmäßig vielleicht auch nicht viel erleuchteter auszusehen als alle, die, unwürdig den Wald durchziehend, die Kreise des Merlin stören. Der Naturmystiker liegt als empfindsame Seele in Wald und Höhle, mal deutsch-faustisch tingiert, mal eher taoistisch angetörnt. Er schließt die Augen - was hört er? In Richard Wagners "jungem Siegfried" das berühmte Waldweben samt Sprache der Vögel; bei Eichendorff dessen sehnsuchtsvoll hochgeschaukelte, über ihn hinwegrauschende schöne Waldeinsamkeit. Wobei kein antiker Dichter, laut Oswald Spengler, den Zauber des Waldesrauschens je empfunden haben soll; damals war halt die faustische Seele noch nicht erwacht, um in rauschende Raumausdehnung hineinzufließen, statt in den pastosen Ton der antiken Lyra und Flöte hinein in Orgelspiel, ungemessenes grenzenloses Fluten, Sehnsucht nach dem Walde, nach der Sprache dieses eigentlichen Tempels abendländischer Gottesverehrung ein Orgelregister heißt übrigens "Rauschwerk". Gleich und gleich gesellt sich: Waldesrauschen basiert auf millionenfach erregt gegeneinanderraschelnden Blättchen, der hierdurch auslösbare Rauschzustand des Homo sapiens auf millionenfach erregt kontaktierenden Neuronen, Massenphänomene im Wald wie im Hirn.

Nüchterne Bausteine zu einer Kritik der Naturbegeisterung und Naturmystik lieferte zunächst Mephisto: "Ein überirdisches Vergnügen! In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen und Erd' und Himmel wonniglich umfassen, zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen, der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen, alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen, in stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen, bald liebewonniglich in alles überfließen . . ." Hier mäkelte kurz danach Zarathustra weiter, indem er also sprach: "Das aber glauben alle Dichter: daß wer im Grase oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze, etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel und Erde sind. Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt: Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hineinzusagen und verliebte Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor allen Sterblichen!" Also vor den stets Nüchternen, denen es, wenn sie mal aus ihren Wagen aussteigt, ganz anders geht als dem jungen Albert Hofmann und die eher als vom Konrad Lorenzschen "Kältetod des Gefühls" Getroffene durch Wald und Flur latschen. Alleebäume sind ihnen nur Verkehrshindernis und Sonnenuntergänge nur eine Farbveränderung. Wobei sich hier und da Mystisches und Profanes so dissonant mischen wie im Fall Kaspar Hauser, der eine deutlich sensitive, schier mediale Ader aufwies, angesiedelt aber fernab jeder Naturmystik; denn Wälder oder Landschaft sagten ihm restlos nichts, warem ihm bloß grüner Plunder, völlig wesenlos, aussagelos, eingehüllt in animalische Nüchternheit.

In der Glossenserie "Typologie der Berauschten" sind bisher erschienen:

1. Der stets Nüchterne

2. Der Freizeit-Berauschte

3. Der Süchtige