OTTO SANDER: Wie anfangen, sagte Herr Kortner immer. Das ist das schwerste. Wie fängt man überhaupt an?

ZEIT:Vielleicht mit der Geburt. Herr Sander, Sie wurden am 30. Juni 1941 in Hannover geboren? Was ist Ihre erste Erinnerung?

SANDER: Im transportfähigen Alter von drei Tagen bin ich schon nach Peine bei Hannover gebracht worden, wo wir wohnten. Die erste Erinnerung - Stacheldraht. Alles war eingezäunt. Ich wußte nicht, warum. Die Amerikaner hatten das Gebiet besetzt. An den Straßen waren überall Wachen und schwarze Menschen. Ich habe zu der Zeit den ersten "Neger" gesehen. Ich kriegte Kaugummi von ihm. - Und daß man nachts aus dem Bett geholt wurde, weil es wieder Luftangriffe gab. Wir mußten in den Luftschutzkeller im Nachbarhaus. Ich fand dies natürlich herrlich. Der Krieg war für mich ein Abenteuerspielplatz. Kinder wollen nachts ja nicht schlafen. Jeden zweiten Tag gab es Bombenangriffe auf Hannover. Ich sehe noch vor mir, wie die Brandbomben, die sogenannten Christbäume, herunterkamen. Das muß 43 oder 44 gewesen sein.

ZEIT:Ihr Vater war Marineoffizier. Sie haben Ihren Vater in der Kindheit nicht oft gesehen?

SANDER: Nein. Mein Vater war zu der Zeit in Narvik und kam nur ab und zu nach Hause. Hitler wollte dort die Erzhäfen erobern. Als die Amerikaner in der Normandie einmarschierten, hatte mein Vater Urlaub, obwohl er in Cherbourg stationiert war. Wir machten Ferien auf einem großen Gut in Ostpreußen. Wir saßen an langen Tischen mit dem Personal und aßen Krebssuppe. Als die Amerikaner landeten, sagte mein Vater: Wieso kommen sie jetzt? Ich habe doch Urlaub! Wenn mein Vater in Cherbourg gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich nicht überlebt.

ZEIT:Haben Sie sich später als Kind eines Täters gefühlt?