Kulinarisch betrachtet, ist die Frankfurter Buchmesse ein Nullereignis. Den Verlegern gegenüber, die Jahr für Jahr ein neues Buch von mir auf die Bücherdeponie heben, habe ich meine Absage immer mit dem Widerwillen vor Partygedränge begründet. Ich hätte aber genausogut die würdelose Art und Weise anführen können, auf die sich Messebesucher zwangsläufig ernähren müssen. Beides reicht für mich aus, nicht nach Frankfurt zu fahren. Was mich daran gehindert hat, in den letzten dreißig Jahren nach Irland zu fahren, das auf der Messe das Hauptthema bildet, kann ich nicht so eindeutig sagen. Früher war ich dort, und ich fand es herrlich.

Gewiß, damals stand das gute Essen noch nicht im Mittelpunkt meines Lebens. Aber ich erinnere mich, daß wir uns erkundigten, wo es Hummer zu essen gäbe. Wir das war eine Handvoll Journalisten, und der Ort hieß Cork, wo ein Filmfestival abgehalten wurde. Abgehalten ist das falsche Wort. Es wurde abgefeiert, abgesungen und abgetrunken. Die Lieder, die unser Gastgeber, ein örtlicher Zeitungsverleger namens Crosby, auf dem Klavier spielte und die wir mitsangen, endeten alle mit dem Refrain: "Have some Madeira, my dear!" Daß es dann Paddy-Whiskey war und kein Madeira, lag an der Whiskeyfirma, die zu den Sponsoren des Festivals gehörte.

Es gab auch keinen Hummer. Statt dessen bekamen wir von der unmenschlich freundlichen Serviererin einen Brei vorgesetzt, den ich noch nie zuvor gegessen hatte. "It's parsnip, darling", sagte sie und wartete auf den Ausbruch meiner Begeisterung. Das arme Ding wartet noch heute.

Parsnips heißen auf deutsch Pastinaken. Sogar im Kochbuch der famosen Henriette Davidis, dessen erste Auflage vor über 150 Jahren erschien, steht, daß die Wurzel "nicht überall Beifall findet". Äußerlich ist sie eine Kreuzung aus Rettich und Petersilienwurzel, vom Geschmack her am ehesten mit den navets der französischen Küche verwandt, die wir weiße oder Teltower Rübchen nennen. Bei der Suche nach unserer Identität haben wir sie zusammen mit Saumagen, Saubohnen und Sauwetter unter "Heimweh" abgelegt.

Nein, eine Delikatesse sind weiße Rübchen wirklich nicht. In keiner Küche, das muß ich leider sagen, haben sie es zu mehr gebracht als zu jenem Arme-Leute-Chic, auf den sich Sozialromantiker berufen, wenn sie in der Toskana eine Brotsuppe schlabbern. Sie sind leicht bitter, ansonsten haben sie keinerlei Geschmack. Und wie immer bei Produkten von niedriger Herkunft (wie Makrele, Eisbein, Kutteln, Kohlrabi, Schwarzwurzeln, Linsen etc.), macht sich niemand die Mühe, das Aschenputtel in eine Dame zu verwandeln. Ganz selten findet ein ehrgeiziger Koch eine Möglichkeit, sie bei seinen Gourmet-Menüs einzubauen. Dem verstorbenen Alain Chapel ist dies mit den navets geglückt, als er sie in Rotwein dünstete (wodurch sie die kränklich-weiße Farbe verlieren) und dann karamelisierte (was ihnen ihre Muffigkeit austreibt). Glücklicherweise dient er vielen zeitgenössischen Köchen als Vorbild.

Ob den irischen parsnips etwas Ähnliches widerfahren ist, weiß ich nicht. Bei uns gibt es nur ein irisches Kochbuch (Mike Bunn: "Irland. Eine kulinarische Liebeserklärung", Droemer Knaur, München, 224 Seiten, 78,- DM); vielleicht ändert die jetzige Buchmesse diesen bedauerlichen (?) Tatbestand. Im Buch von Henriette Davidis geriet ich bei der Suche nach Pastinaken zwangsläufig in das Kapitel "Rüben". Da sind sie alle versammelt, die Kerbelrübchen, Kohlrabi, Schwarzwurzeln, Steckrüben, auf gewöhnliche Art oder in der Erde braun zu braten, Herbstrüben, Teltower Rübchen und dergleichen. Es ist, wie wenn Archäologen irgendwo in Thüringen eine Grabkammer öffnen. Modriger Dunst, Fledermäuse, morsche Knochen - das ganze Inventar unserer Vergangenheit auf drei Buchseiten.