Die erste Schulstunde beginnt im Morgengrauen um sechs mit dem Einschalten des Fernsehers. La Cinquiéme, Frankreichs jüngster Fernsehkanal, "der Sender des Wissens", bittet zum Lernen, zu Hause in der guten Stube. Die ersten fünf Minuten bestreitet gleich ein bekannter Wissenschaftler: Bruno Latour führt in die Geheimnisse der Demographie ein, oder Luc Montagnier berichtet aus der Aids-Forschung. Danach wird jeweils ein Begriff kurz erläutert, das Alphabet rauf und runter, von A wie alcoolisme bis Z wie zéro. Dem folgt ein Wetterbericht, der jedoch stets ebensoviel über Technik und Tücken der Meteorologie verrät wie über das Wetter von morgen. Weiter geht es in flottem Rhythmus mit einer Sendung, die bei der Stellensuche helfen soll, einem Beitrag über Regenwälder, einer Schreibwerkstatt oder einem Einblick in die französische Provinz Picardie.

Sport, Weltraum, Gesundheit, eine didaktisch aufbereitete Kinderstunde, Gesundheit, ein Gedächtnisspiel, Sexualkunde, eine historische Dokumentation und der Alltag eines Bauern sind weitere Themen an diesem Tag. Es hat vieles Platz an diesem dreizehnstündigen Fernsehschultag von sechs bis neunzehn Uhr, wenn La Cinquiéme den Kanal frei macht für Arte. Diese Nachbarschaft brachte nun Kulturminister Philippe Douste-Blazy auf die Idee, die beiden Sender "unter einer einzigen Präsidentschaft" zusammenzufassen, ohne daß allerdings schon deutlich würde, welchen Posten - außer dem eines Präsidenten - der Minister auf diese Weise einsparen will.

Manche Sendungen verabreichen lediglich fünfminütige Bildungshäppchen; üblich sind Fünfzehn- und Dreißigminutenbeiträge, längere sind rar. Dafür ist man bei La Cinquiéme stolz, daß die Zuschauer nicht gleich wieder wegzappen. Der befürchtete "Fluchteffekt vor der Bildung" tritt somit nicht ein. Das Funkhaus des Wissenskanals steht übrigens anders als jene der großen Sender nicht in prestigeträchtiger Umgebung, sondern im öden Pariser Vorort Issy-les-Moulineaux. Gleichwohl hat sich die erst gut ein Jahr alte Cinquiéme wider alle Erwartungen rasch aus dem Mauerblümchendasein befreit. Der Marktanteil schwankt zwischen immerhin vier und fünf Prozent; im Durchschnitt sehen rund zwei Millionen Franzosen zu. Die Unkenrufe vom Anfang sind erst einmal verstummt.

Graue Eminenz des Kanals ist der Philosoph Michel Serres. Als junger Intellektueller hat er Bücher über die Kommunikation geschrieben. Jahrzehnte später präsidiert er nun, und zwar überaus aktiv, den wissenschaftlichen Beirat der Cinquiéme. Vom hohen Roß der Philosophie in die Niederungen der Television? Serres sieht das anders. Allein auf den Umgang mit den Bildern komme es an, betont er: "Wenn das Fernsehen bereits einem fünfzehnjährigen Kind 15 000 Morde gezeigt hat, dann ist es natürlich eine abscheuliche Sache." Doch ebensogut könne es dazu beitragen, sozial Ausgeschlossene, also Arbeitslose und Einwanderer, aber auch Hausfrauen oder Bauern, an der Welt des Wissens teilhaben zu lassen.

"Im übrigen haben wir gar keine andere Wahl, als jeden denkbaren Kommunikationskanal für die Vermittlung von Bildung zu nutzen." Jahr für Jahr wachse das Bildungsbedürfnis um rund zehn Prozent. Die Bildungsbudgets hingegen hätten ihren Plafond erreicht. Die Universitäten könnten ihre Aufgabe angesichts der Studentenflut längst nicht mehr erfüllen. "Wenn es also aus Kostengründen nicht länger möglich ist, Bildungswillige und -bedürftige in die Stätten, wo Wissen konzentriert ist, also in Bibliotheken, Labors, Hörsäle oder Museen, zu holen, muß man eben das Wissen zum Nachfrager bringen." Nur so sei eine weitere Demokratisierung der Bildung überhaupt noch denkbar. "Heute", kritisiert Serres, "gibt es keine Gleichheit der Bürger vor dem Wissen - im Gegenteil, die Bildungsgräben werden tiefer." Dabei sei Wissen just jenes Gut, das die Menschen mit andern teilen können, ohne daß sie dadurch selber etwas verlören.

Allerdings lassen sich nicht alle Bildungsinhalte gleich gut per Mattscheibe vermitteln. Zoologie, Geschichte oder Geographie scheinen geeigneter als Sprachen, Mathematik oder die Juristerei. Auch da wendet sich Serres indes gegen kategorische Urteile: "Wir wagten es unlängst, sogar die Philosophie ins Programm zu heben. Ich war zuerst skeptisch. Doch die Journalisten und Produzenten haben das gemeistert. Mein vierzehnjähriger Enkel war hingerissen." Entscheidend sei weniger der Kanal als das Talent der Macher. Hier sieht man beim Pariser Bildungssender eine Hauptaufgabe: die großen Wissenden mit den fähigsten Wissensvermittlern zusammenzuführen. Das hat das Fernsehen bislang vernachlässigt - aber auch die Schule hat hier ihre Schwächen. "Ich bedauere heute noch, die Sprache Goethes nie richtig gelernt zu haben, weil mein Deutschlehrer ein elend schlechter Vermittler war", erinnert sich Michel Serres.