Wie würde man reagieren, wollte jemand die festen Apothekenpreise aufheben? "Super-Antibiotika-Aktion! Diese Woche halbe Preise!" Alle Welt würde schreien: "Mit der Gesundheit kann man so etwas nicht machen!"

Aber mit der Kultur kann man. Kaum jemand stellt zur Zeit die Buchpreisbindung direkt in Frage, abgesehen von einer Ladenkette in Österreich, die deutsche Bücher gern unter Preis verkaufen möchte. Trotzdem wird seit einigen Monaten gemunkelt und spekuliert - und in dieser Woche gewiß auch auf der Buchmesse in Frankfurt. Demnächst, wahrscheinlich noch vor Ende dieses Jahres, wird die Wettbewerbsdirektion der Europäischen Kommission entscheiden, ob die grenzüberschreitende Buchpreisbindung weiterhin erlaubt sein soll. Und vielen schwant, daß die Wettbewerbshüter sie zu Fall bringen möchten und nur noch nach einem guten Grund suchen.

Nationale Regelungen würde ihr Spruch nicht berühren. Aber Buchpreisbindungen lassen sich nicht in Staaten, sondern allein in Sprachräumen durchsetzen. Unvorstellbar, daß in Salzburg jedes Buch billiger zu haben wäre als in Bad Reichenhall. Ein negativer Bescheid aus Brüssel müßte auch die nationalen Preisbindungen in Europa über kurz oder lang zum Einsturz bringen.

In der Tat, die Buchpreisbindung ist ein Fremdkörper in der Konkurrenzwirtschaft, eine eigentlich systemwidrige Schutzbestimmung. Aber sie ist wohlüberlegt. Daß sie einen Handelszweig vor den rauhesten Stürmen des Wettbewerbs schützt, ist richtig, doch nicht der Grund ihres Daseins. Sie will etwas Fundamentaleres sein: ein letzter Schutz des Kulturguts Buch vor der Ware, die es zugleich verkörpert.

Denn was würde bei einer Aufhebung des festen Ladenpreises geschehen? Es gibt die Beispiele der Vereinigten Staaten, Schwedens, Frankreichs (das nach zwei Jahren der Deregulierung 1981 den festen Buchpreis erschreckt wiedereingeführt hat) und neuerdings auch Großbritanniens. Aus ihnen läßt sich ein Szenario des Undenkbaren ableiten.

Zunächst würden Bücher tatsächlich billiger, manche jedenfalls. Aber der Konsument im Leser freute sich zu früh. Billiger nämlich würden allein die Bestseller, die "Schnelldreher" - genau jene Titel, die den Verlagen und Buchhandlungen ihre berühmten Mischkalkulationen gestatten.