Alle spüren: Seit der Rezession von 1993/94 ist in der deutschen Wirtschaft nichts mehr so, wie es vorher war: die Selbsteinschätzung von Arbeitnehmern und Unternehmern, der Blick auf die Zukunft, die Sorgen der Menschen. Diesen Klimawandel wollte die ZEIT mit ihrer Umfrage näher untersuchen. Bei der repräsentativen Erhebung, die das Berliner Meinungsforschungsinstitut Infratest Burke durchführte, wurden zwischen dem 9. und 22. Juli tausend zufällig ausgewählte Bürger aus den alten und neuen Bundesländern telephonisch befragt. Die Ergebnisse wurden in vier Folgen im Rahmen der Serie "Magere Jahre - Abstieg in Deutschland" veröffentlicht. Was ist die Bilanz dieser Umfrage?

Erstens: Die Arbeitslosigkeit ist zum vorherrschenden Thema in der Öffentlichkeit geworden. Dies gilt für die neuen Bundesländer, aber auch für Westdeutschland. In der alten Bundesrepublik ist die Arbeitslosenquote zwar nicht höher als 1985, die Sorge um den Arbeitsplatz beherrscht jedoch heute breitere Schichten, bis hin zu qualifizierten Arbeitern und Angestellten. Jeder dritte Bundesbürger hat schon einmal Stellenabbau an der eigenen Arbeitsstelle erlebt, jeder fünfte fürchtet unmittelbar um seinen eigenen Job.

Vor allem haben die Menschen den Glauben verloren, daß sich an dem Problem Massenarbeitslosigkeit in den nächsten Jahren etwas ändern könnte. 71 Prozent der Befragten glauben, daß die Zahl der Stellungslosen eher noch steigen wird.

Zweitens: Die meisten Bundesbürger sind mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage zufrieden, wesentlich zufriedener jedenfalls als mit der des ganzen Landes. 72 Prozent aller Haushalte bewerteten das eigene Auskommen als gut oder sehr gut, 83 Prozent bezeichneten dagegen die Wirtschaftslage der Bundesrepublik als schlecht oder sehr schlecht. Vor diesem Hintergrund sehen viele den eigenen, bis heute bewahrten Lebensstandard als Wohlstand auf Abruf. 57 Prozent gaben an, daß sie sich materiell etwas, 13 Prozent, daß sie sich sogar stark einschränken müssen. 70 Prozent sorgen sich auch um ihre materielle Sicherheit im Alter. Diese Sorge ist bei jungen Menschen besonders ausgeprägt. Die Zukunftsangst zeigte sich eindrücklich auch in den Antworten auf eine weitere Frage: Fast jeder zweite Deutsche glaubt, daß es die heutige Jugend einmal schlechter haben wird als ihre Elterngeneration.

Drittens: Die Kluft zwischen Arbeitsplatzbesitzern und -suchenden verhärtet sich. Die einen haben das Gefühl, immer mehr arbeiten zu müssen, die anderen sehen sich vom Arbeitsmarkt völlig ausgeschlossen. Berufstätige klagen mehrheitlich über zunehmenden Streß am Arbeitsplatz und über zuviel Überstunden, sind jedoch mit ihrem Gehalt meist zufrieden. Auf der anderen Seite sehen Arbeitslose oder Menschen, bei denen ein Haushaltsmitglied ohne Arbeit ist, zu über 80 Prozent geringe oder sehr geringe Chancen auf eine neue Beschäftigung. Der Weg zurück in den Arbeitsmarkt ist äußerst schwer. Wenn er aber einmal geglückt ist, dann bringt der neue Job für 44 Prozent einen besseren Verdienst.

Viertens: Die Bundesbürger sind im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zu weitgehenden Opfern bereit. Die Ansichten liegen damit quer zu denen vieler Gewerkschafter, aber auch zu denen der Arbeitgeberfunktionäre. So halten es 71 Prozent der Befragten für akzeptabel, bei entsprechendem Lohn weniger zu arbeiten, um dadurch gefährdete Arbeitsplätze von Kollegen zu erhalten. Die 35-Stunden-Woche könnte also wider Erwarten doch populär sein.