Es herrschte nur noch Chaos, als im Sommer 1993 der Reiseveranstalter MP Travel Line mitten in der Hauptsaison in Konkurs ging. Etwa 40 000 Kunden waren betroffen. In der Branche sprach man von der größten und spektakulärsten Pleite seit zwanzig Jahren. Auf insgesamt zehn Millionen Mark wird der Schaden für die Urlauber geschätzt.

Einige der betroffenen Kunden wehrten sich - mit Erfolg. Sie verklagten die Bundesrepublik auf Schadenersatz. Und das Land muß tatsächlich zahlen, urteilte am vergangenen Dienstag der Europäische Gerichtshof in Luxemburg. Hätten die Deutschen nämlich die europäische Richtlinie über Pauschalreisen nicht auf die lange Bank geschoben, wären die Kunden von MP Travel Line durch ein brancheninternes System von vornherein abgesichert gewesen.

Bereits 1990 hatten die Mitgliedsstaaten die sogenannte Pauschalreiserichtlinie verabschiedet. Danach sollten bis Ende 1992 alle EU-Mitglieder unter anderem sicherstellen, daß die Veranstalter von Pauschalreisen künftig sogenannte Solvenzgarantien vorlegen. Diese Garantien sollen die Verbraucher schützen, falls der Veranstalter vor oder während des Urlaubs pleite geht.

Seit August 1994 sind auch deutsche Urlauber abgesichert. Die Bundesrepublik fügte inzwischen entsprechende Artikel in das Bürgerliche Gesetzbuch ein, der Deutsche Reisebüro-Verband gründete den Deutschen Reisepreis-Sicherungsverein, und auch große Versicherungsgesellschaften bieten inzwischen einen Insolvenzschutz für Reiseveranstalter an.

Mit ihrem jüngsten Urteil bekräftigen die Richter in Luxemburg ihr Ziel, nachlässige Mitgliedsstaaten stärker in die Pflicht zu nehmen, wenn es um die Interessen europäischer Bürger geht.

Verstöße gegen das Gemeinschaftsrecht werden damit teuer.

Schon 1991 hatte der Europäische Gerichtshof im sogenannten Francovich-Urteil den italienischen Staat zu Schadenersatz verurteilt, weil der eine Richtlinie nicht rechtzeitig umgesetzt hatte, die den Arbeitnehmern im Konkursfall eine Entschädigung zugestanden hätte. Das Urteil war seinerzeit bereits wegweisend: Erstmals verdonnerten die Richter in Luxemburg einen Staat dazu, für die Nichtumsetzung europäischen Rechts zu zahlen, indem sie den Bürgern zugestanden, Schadenersatz aus der öffentlichen Kasse zu fordern.