Frankfurt am Main

Das also ist der Mann, der in Belfast immer von Leibwächtern umgeben ist und jede Nacht in einem anderen Haus schläft. Großbritanniens Staatsfeind Nummer eins, dessen Stimme jahrelang in Radio und Fernsehen synchronisiert werden mußte, weil die britische Regierung anscheinend fürchtete, allein ihr sonorer Klang könne die Inselbürger zur Preisgabe ihrer letzten Kolonie bewegen. Der elegante Herr, der im kleinen Journalistenkreis genießerisch sein Thunfischcarpaccio seziert, erweckt indes nicht den Eindruck, als fühle er sich bedroht.

Er observiert die Tischrunde genau und wirft ihr mit kühlem Lächeln mundgerecht zerteilte Konversationsbrocken zu. Gerry Adams, Chef der nordirischen Partei Sinn Féin (des politischen Arms der Irisch-Republikanischen Armee), ist auf Verkaufstournee. Offiziell geht es um seine Autobiographie.

Tatsächlich aber geht es um die Vermarktung eines ganz anderen Produkts: des Autors selbst.

Der Reisende in eigener Sache weiß sich in der Heimat Heinrich Bölls auf freundlichem Territorium. Gerade hat er auf der Buchmesse seinen Lebensbericht "Bevor es Tag wird" vorgestellt nun gibt sein Berliner Verleger Dietrich Simon im "Frankfurter Hof" ein Abendessen für ihn. Simons Überzeugung, daß Adams der Friedensnobelpreis verliehen werden sollte, teilen sicher nicht alle Anwesenden.

Ein Unbehagen gegenüber diesem Vorschlag - oder am dergestalt zu Ehrenden - wird in der Runde aber auch nicht laut. Und so hat der politische Chefstratege der IRA, von dem Kenner glauben, er sei auch einige Jahre lang Kommandeur eines Belfaster IRA-Bataillons gewesen, einen Abend lang freies Feld, um sein neues Image auszuprobieren.

Er braucht es dringend. Seit die IRA mit einer Serie von Anschlägen den Waffenstillstand aufgekündigt hat, ist Sinn Féin aus allen Friedensgesprächen ausgeschlossen. Gerry Adams, der im kriegsmüden Nordirland einen dramatischen Schwund seiner Klientel befürchten muß, vollführt nun einen verwegenen Balanceakt. Er will für die Bomben nicht verantwortlich sein, verbürgt sich aber als direkter Draht zu den Tätern. Von Gewaltverzicht will er nichts wissen dennoch empfiehlt er sich als Mann des Friedens. Kurz: Adams hat das, was man in der Werbebranche ein akutes Imageproblem nennt.