Es gehört schon etwas Mut dazu, heute noch einen Sammelband unter dem Titel "Chaos und Ordnung" herauszugeben (Reclam 1996, 384 S., 15,- DM). Zu abgegriffen und verbraucht erscheint das Thema.

Und doch: Die Moden kommen und gehen das Chaos bleibt. Wie Ordnung und Chaos in Natur und Gesellschaft aufeinander abgestimmt sind, ist allen theoretischen Bemühungen zum Trotz auch heute noch nicht ganz verstanden. Der Wiener Hochschullehrer Günter Küppers bietet nun mit Kollegen verschiedener Fachrichtungen einen Einblick in die Selbstorganisationsforschung.

Der erste Teil ist den Vorläufern heutiger Chaosauffassungen gewidmet.

Von der Rolle des Chaos in Weltentstehungsmythen und griechischer Philosophie reicht die Spanne der Themen über neuzeitliche Organisationstheorien bis zum biologischen Systembegriff Hans Drieschs. Die knapp gehaltenen Beiträge skizzieren den historischen Hintergrund präzise. Ebenso klar und verständlich ist im zweiten Teil die Darstellung der Grundlagen von deterministischem Chaos und Selbstorganisation angelegt.

Im interessantesten Teil, der mehr als die Hälfte des Buches ausmacht, schildern die Autoren konkrete Anwendungen der Chaostheorie in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere in Soziologie, Ökonomie und Psychologie. Da überwiegend die aktuelle Forschung und denkbare künftige Entwicklungen beschrieben werden, kommt hier vor allem der fachlich interessierte Leser auf seine Kosten.

Wie weit sich die in Mathematik und Naturwissenschaften gewonnenen Erkenntnisse auf die sogenannten soft sciences übertragen lassen, muß sich jedoch erst noch erweisen. Eines aber machen die Aufsätze deutlich: Die Frage nach Ordnung und Chaos umfaßt mehr als Schmetterlingseffekt und bunte Fraktalbildchen.