Früher war alles besser. Das jedenfalls finden öffentlich-rechtliche Fernsehredakteure, wenn sie beim Wein sitzen. Zu einer Abendstunde vielleicht. Und vielleicht im Spätherbst.

Auf dem Bildschirm debattieren Poeten, Propheten und Professoren über den moralischen Niedergang der Gesellschaft. Die Welt verfällt, die westliche Zivilisation auch, das öffentlich-rechtliche Fernsehen ohnehin. Und das Übel hat einen Namen, Trash-TV, verkauft und verschoben von unsichtbaren Giganten, untergejubelt von grinsenden Dollargesichtern, geschluckt von der breiten Masse teilnahmsloser Ja-Sager.

Manchmal dann fällt in die Stoßseufzer ein Name. Ein Mann vom Schlage Dürrenmatts täte uns not! Einer der wußte, wie dieser Welt beizukommen war, mit der Komödie, die zwischen Reklamewänden für Ereigniskaugummi, Abenteuerzigaretten, Tiefkühlpizza und den Gedenksteinen der Verunfallten den spöttischen Stoff der letzten möglichen Geschichten entdeckt. Und so nahmen sich zwei 3sat- Redakteure, Luis Bolliger und Ernst Buchmüller vom Schweizer Fernsehen DRS, viel Zeit für die "kulturelle Schatzsuche" in den Archiven der Partner ZDF, ORF, SF DRS und ARD: die umfangreichste Dürrenmatt-Grabung der Fernsehgeschichte.

Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor war je so präsent in den Medien, über keinen gibt es so viele elektronische Dokumente wie über Friedrich Dürrenmatt. Von Anfang an arbeitete der junge Autor für TV-Produktionen, schrieb Treatments, wurde verfilmt, im Fernsehen inszeniert. Er mochte das neue Medium kritisieren, es distanziert bespötteln: In seinem Nachruhm ist Dürrenmatt groß auch als Fernsehdichter. Ob Kriminalroman, Hörspiel oder Komödie - gut zu sein an der Oberfläche machte sie fernsehtauglich wie nur wenige andere.

Natürlich hatte er Probleme mit seiner Rolle, die er auf verschiedene Rollen verteilte: den Geschäftsmann, der "Geldverdienen" ein "schriftstellerisches Stimulans" nannte, den Medienkritiker, der Großaufnahmen "unanständig" und den Fernsehzuschauer als "Voyeur" ansah den Kulturphilosophen, der mit dem Paradox lebte, zu dem die Fernsehdichterexistenz zwingt: die Massenunterhaltung avantgardistisch zu verachten und zugleich gut von ihr zu leben. Ein begabter Kyniker, bei dem Medienkritik die Chiffre eines Satten für den eigenen Zwiespalt war, gelassen genug sich von "Bildungstheater" wie "Zerstreuungsindustrie" feiern zu lassen.

Dürrenmatt erregte Anstoß und versöhnte zugleich. Das deutsche Fernsehen empfand den "Besuch der alten Dame" 1959 als "für Jugendliche nicht geeignet" und brachte den Fernsehfilm dennoch zur besten Sendezeit. Das Stück erlebte zwei Spielfilme und vier Fernsehproduktionen, eine bundesdeutsche, zwei in der Schweiz und eine in der DDR.

Keine der großen Komödien blieb unverfilmt, erfuhr nicht eine eigene Inszenierung fürs Fernsehen.