Zigeuner" ist ein problematischer Begriff. Ein soziographisches Zigeunerverständnis, das diese Gruppe mit der fahrenden Bevölkerung gleichsetzt, bildet den einen Pol, ein Zigeunerbild, dem Kategorien wie "Ethnie", "Volk", "Stamm" oder "Rasse" zugrunde liegen, den anderen. Diese zweite Sichtweise existiert wiederum in einer eher kulturbezogenen Ausprägung, die eine besondere, von der Mehrheitsbevölkerung deutlich unterschiedene Lebensweise der Zigeuner behauptet, und in einer biologistischen Variante. Dort werden die Zigeuner zu einer durch Abstammung gebundenen Gruppe erklärt. Beide Konstruktionen können den Ausgangspunkt eines rassistischen Zigeunerbegriffs bilden. Im einen Fall werden die Kulturen von Nichtzigeunern und Zigeunern strikt gegeneinandergesetzt, diese Differenzen als unüberbrückbar und die Kultur der Zigeuner als untragbar deklariert. Im anderen Fall werden die Zigeuner nicht nur als "fremdblütig", sondern außerdem als "minderwertig" stigmatisiert.

Die Bezeichnung "Zigeuner" sagt folglich nichts Eindeutiges über den Begriffsinhalt aus. Deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Diskurse über "Zigeuner" in Entstehung und Wirkung zu analysieren.

Dieser Aufgabe widmen sich zwei jüngst erschienene Aufsatzsammlungen, deren Titel nicht zufällig Ähnlichkeit aufweisen: "Zigeuner. Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion", ediert von Wulf D. Hund, und "Die gesellschaftliche Konstruktion des Zigeuners.

Zur Genese eines Vorurteils", herausgegeben von Jacqueline Giere.

Führt man die zentralen Thesen dieser Bücher zusammen, so zeichnen sich in historischer Perspektive zwei grundlegende Verschiebungen im Diskurs über die "Zigeuner" ab.

Bis ins 18. Jahrhundert wurde das Zigeunerstereotyp weithin mit sozialer Unangepaßtheit gleichgesetzt. Im Gefolge von Aufklärung und Romantik meint "Zigeunertum" dann eher "Fremdheit" - eine kulturelle Differenz zur Mehrheitsbevölkerung, die teils auf biologische, teils auf gesellschaftliche Faktoren zurückgeführt wurde. Anziehung und Abstoßung lagen in diesem Zigeunerbild eng beieinander die negativen Attribute, die das vorherrschende Klischee des Zigeuners als eines unzivilisierten und gefährlichen Barbaren prägten, fanden ihre Entsprechung im Bild des Zigeuners als eines edlen Wilden.

Die von der Aufklärung vorgenommene Unterscheidung zwischen dem schieren Leben eines Zigeuners und seiner gesellschaftlich-kulturellen Prägung wurde dann in einer zweiten Verschiebung des Diskurses eliminiert. Der moderne Rassismus, der nach 1933 die deutsche Zigeunerpolitik leitete, führte die von ihm behauptete "Minderwertigkeit" der Zigeuner auf ein unveränderliches "Erbschicksal" zurück. Gleichwohl beruhte der Gegensatz zwischen Aufklärung und Rassismus auf dem gemeinsamen Ziel, die "Zigeunerfrage" zu "lösen".

Die Dekonstruktion des Zigeunerbildes, bei der Wulf D. Hund - in ironischer Wendung gegen Max Weber - "rassistische Ethik" und "Geist des Kapitalismus" vielleicht in einen zu unmittelbaren Zusammenhang rückt, beugt einem isolierenden und ahistorischen Blick auf die Betroffenen vor. Sie bedarf aber nach wie vor der ergänzenden Untersuchung sowohl der staatlichen Zigeunerpolitik als auch des Selbstverständnisses und des Handelns der Roma und Sinti selbst. In dem von Jacqueline Giere edierten Band werden diese Themen nicht ausgespart darüber hinaus wenden sich ihnen gleich drei neuere Publikationen zu. Isabel Fonseca verbindet aufschlußreiche ethnologische Beobachtungen mit engagierten historischen und aktuell politischen Betrachtungen. Ihr Text ist vielleicht die anregendste, aber auch die in ihren Ergebnissen widersprüchlichste der drei Studien. Rajko Djuric und seine Mitautoren haben ein Buch vorgelegt, das eine aufschlußreiche Binnensicht der europäischen Roma-Bürgerrechtsorganisationen zeigt und zudem Überblicke über die Zigeunerbevölkerung in den einzelnen europäischen Ländern bereithält. Katrin Reemtsmas Einführung in Geschichte, Kultur und Gegenwart der Sinti und Roma ist das kompakteste und zugleich wissenschaftlich fundierteste der drei Bücher. Neben Deutschland, wo sie das Gewicht der Zigeunerpolitik für die staatliche Gesamtpolitik jedoch bisweilen überschätzt, informiert Katrin Reemtsma besonders kenntnisreich über die Lage der Roma in Jugoslawien und Rumänien.

Dabei wird nicht zuletzt deutlich, daß die dort lebenden Roma zu den Hauptleidtragenden einer verfehlten deutschen Asylpolitik zählen.

Einig sind sich Isabel Fonseca, Rajko Djuric und Katrin Reemtsma darin, daß eine supranational angelegte Roma-Bürgerrechtsbewegung nicht nur mit enormen äußeren, sondern auch mit gewaltigen inneren Problemen zu kämpfen hat. Die Zugehörigkeit zu den Roma oder den Sinti, die sowohl durch den internen Zusammenhalt als auch durch die Stigmatisierung von außen bedingt ist, wird von den Angehörigen dieser Gruppen nicht nur unterschiedlich, sondern oft in gegenseitiger Abgrenzung bestimmt. Verwandtschaftsbeziehungen und die in sich stark differenzierte Zigeunersprache Romanes spielen dabei ebenso eine Rolle wie besondere kulturelle Regeln, die mehr oder minder große Distanz zu den Nichtzigeunern und für eine Minderheit auch die fahrende Lebensweise. Ein alle Zigeunergruppen umgreifendes politisches Gemeinschaftsbewußtsein, etwa als "Volk" oder "Nation", wird nur von wenigen Intellektuellen akzentuiert. Insofern markieren Sammelbezeichnungen wie "Sinti und Roma" oder "Roma und Sinti" eher die auf einen gemeinsamen indischen Ursprung zurückgreifenden Zukunftshoffnungen moderner Bürgerrechtsorganisationen, als daß sie schon eine breite gesellschaftliche Bewegung in Europa widerspiegelten.

Michail Krausnick hat ein im engeren Sinne historisches Buch über die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma verfaßt.

In dessen erstem Teil schildert er fünf Verfolgungsschicksale deutscher Sinti. In einem zweiten Abschnitt führt er in die Lage der Sinti und Roma vor 1933 ein und stellt dann ausführlicher die NS-Zigeunerverfolgung dar. Grundlage sind die inzwischen recht umfangreiche wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, die den Buchuntertitel "Der unterschlagene Völkermord" ein wenig überzogen erscheinen läßt, sowie eigene Recherchen des Autors im südwestdeutschen Raum. In den Abschlußkapiteln verweist er auf die ganz unzulängliche Entschädigung, die den Betroffenen in der Bundesrepublik zugesprochen wurde, sowie auf die verschiedenen Bürgerrechtsorganisationen der Sinti und der Roma in Deutschland.

Es ist die Stärke des Buches, die NS-Zigeunerverfolgung im Deutschen Reich in einer gut lesbaren Weise populärwissenschaftlich zusammenzufassen.

Gleichwohl enthält der Text erhebliche Probleme, die symptomatischen Charakter tragen. Ein erstes liegt im Wortpaar "Sinti und Roma": Faktisch schreibt Michail Krausnick eine Geschichte der deutschen Sinti die aus Südosteuropa seit etwa 1850 eingewanderten Roma werden nur in einer Fußnote abgehandelt. Der Autor bezeichnet die Sinti und Roma dann einerseits als "deutsche Minderheit", seit Jahrhunderten im Lande "ansässig und beheimatet", andererseits als Teil der nichtseßhaften Bevölkerung und als Opfer fremdenfeindlicher Ausschreitungen. Neben diesem ungeklärten Widerspruch fallen in den Passagen zur NS-Zigeunerverfolgung einige Ungenauigkeiten auf. Für einen Erlaß von 1938 "Betrifft: Vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei", den das Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) verfaßt hatte und der sich auch gegen Sinti und Roma richtete, gibt Krausnick fälschlicherweise den Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich als Autor an. Arthur Nebe, der Leiter des RKPA - derjenigen Institution, die primär für die NS-Zigeunerverfolgung verantwortlich war -, mutiert an einer Stelle zum Chef der Sicherheitspolizei.

Michail Krausnick legt zudem nahe, es sei Eichmann gewesen, der die Deportationen der Sinti und Roma organisiert habe. Eichmann war zwar maßgeblich an einem gescheiterten Versuch im Herbst 1939 beteiligt, die Berliner Zigeuner zu deportieren. Zwischen 1940 und 1944 wurden die Deportationen der Sinti und Roma aber nicht von ihm organisiert, sondern eben vom RKPA.

Was steckt hinter solchen Verdrehungen? Ich vermute, Michail Krausnick will Rücksicht nehmen. Rücksicht auf die Furcht unter den Sinti und Roma, die Hervorhebung der Kriminalpolizei als NS-Verfolgungsinstanz bedeute per se eine Stigmatisierung der Zigeuner als Kriminelle.

Diese Skrupel des Autors verstehe ich. Seinen Ausweg finde ich fragwürdig. Menschlich fragwürdig, da die Folgerung: "Die Kriminalpolizei war die Verfolgungsinstanz der Zigeuner. Ergo waren die Zigeuner wohl kriminell" unsinnig ist und da der Mangel an kritischer Thematisierung dieses Scheinarguments die Traumata unter Betroffenen nur konservieren wird. Politisch fragwürdig, weil damit ein selbstkritisches Nachdenken der Kripo über ihre NS-Vergangenheit behindert wird. Wissenschaftlich fragwürdig, weil die Analyse der NS-Zigeunerverfolgung das RKPA nicht umgehen darf. In dessen Konzeption kriminalpolizeilichen Eingreifens in die Gesellschaft wurde das Verbrechen auf "gemeinschaftsschädliches" Verhalten bestimmter Segmente der Gesellschaft, dieses Verhalten wiederum auf gruppenspezifische genetische Faktoren zurückgeführt.

Dieses rassistische Konzept, das nach Arthur Nebe auf eine "Reinhaltung der deutschen Rasse" zielte, bedarf der Analyse und nicht des Beschweigens.

Michael Zimmermann ist Historiker am Ruhrlandmuseum in Essen.

Demnächst erscheint im Christians Verlag seine große Studie "Rassistische Utopie und Genozid. Die nationalsozialistische ,Lösung der Zigeunerfrage`".

Rajko Djuric/Jörg Becken/

A. Bertolt Bengsch:

Ohne Heim - Ohne Grab

Die Geschichte der Roma und Sinti Aufbau-Verlag, Berlin 1996 359 S., 44,- DM

Isabel Fonseca:

Begrabt mich aufrecht

Auf den Spuren der Zigeuner aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel Kindler Verlag, München 1996 432 S., 39,80 DM

Jacqueline Giere (Hrsg.):

Die gesellschaftliche Konstruktion

des Zigeuners

Zur Genese eines Vorurteils Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1996 162 S.,

38,- DM

Wulf D. Hund (Hrsg.):

Zigeuner

Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion DISS, Duisburg 1996 153 S., 18,- DM

Michail Krausnick:

Wo sind sie hingekommen?

Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma Bleicher Verlag, Gerlingen 1995 251 S., 34,- DM

Katrin Reemtsma:

Sinti und Roma

Geschichte, Kultur, Gegenwart C. H. Beck Verlag, München 1996 199 S., 19,80 DM